Kirche ähnelt Theater

REBSTEIN ⋅ Die schönste Rückmeldung, die Pfarrer Renato Tolfo an Weihnachten bekommen kann, lautet: «Ich bin im Gottesdienst vorgekommen.» Das ist ganz ähnlich wie bei dem Besuch einer Theateraufführung.
23. Dezember 2017, 05:20
Monika von der Linden

Monika von der Linden

Es ist nicht alltäglich, dass sich ein Pfarrer als Co-Regisseur eines Theaterstücks betätigt. Doch das tat Renato Tolfo im Sommer. Er assistierte Simona Specker bei der Inszenierung des «Schmugglerkönigs» auf der Freilichtbühne Rüthi. «Es war das Beste, das mir passieren konnte», resümiert er .

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sich Renato Tolfo im Bildungsurlaub mit dem Theater einer branchenfremden Aufgabe gewidmet hätte. Schaut man aber genauer hin, entdeckt man die eine oder andere Parallele zwischen seiner Tätigkeit im Theater und jener in der Kirche. Die Erfahrung, die der Co-Regisseur in den Proben und hinter der Bühne gesammelt hat, werden den Pfarrer künftig darin beeinflussen, wie er die Seelsorge in der Kirchgemeinde Rebstein-Marbach gestaltet.

Bindeglied zwischen Regie und Ensemble

Renato Tolfo oblag zwar nicht die Verantwortung für die Inszenierung. Ihm kam als Regieassistent dennoch eine wichtige Aufgabe zu. Als Bindeglied zwischen der Regisseurin und den Akteuren auf oder hinter der Bühne entlastete er die eine Seite und war ei­ne verlässliche Anlaufperson bei Unklarheiten auf der anderen Seite. Zum Beispiel leitete er das Aufwärmen der Schauspieler vor einer Probe und bündelte Fragen, damit Simona Specker sie im Block beantworten konnte.

Während einer Aufführung sah das Publikum Renato Tolfo nie auf der Bühne. Und doch kannte er als Souffleur jede Rolle. In die eine oder andere war er sogar hineingeschlüpft, immer dann, wenn ein Schauspieler beim Einstudieren einer Szene fehlte. Dann machte sich der Co-Regisseur die jeweilige Figur zu eigen und füllte so die Lücke.

An eine solche Szene erinnert sich Renato Tolfo: Ein kleines Mädchen spielte eine Bauerstochter. Sie sollte einen grossen Buben – in der Probe spielte ihn Renato Tolfo – an den Haaren ziehen. «Bis die Szene richtig sass, hatten wir sie sechsmal durchgespielt und immer wieder packte sie mich fest am Schopf.»

Des Pfarrers Eignung nie hinterfragt

Vom ersten Moment an war der sich weiterbildende Pfarrer von der Theatergruppe akzeptiert. Seine Dazugehörigkeit und Eignung stellte nie jemand in Frage. «Das Team war ein Mix aus erfahrenen und unerfahrenen , aus jüngeren und älteren Theatermachern. Wir arbeiteten in einer angenehmen und familiären Atmosphäre.»

Jeder Schauspieler durfte sich selbst in die Darstellung einer Figur einbringen, niemand brauchte jemand anderen kopieren. Das war gut für die Proben der doppelt besetzten Rollen. Weil jeder authentisch auftrat, füllten alle Schauspieler ihre Rolle mit eigenen Akzenten. «So reflektierte jeder an der Interpretation der eigenen Rolle durch jemand anderen seine eigene», sagt Tolfo.

Die Stärke des Teams lag darin, miteinander das Stück auf die Bühne zu bringen. Niemand war sich zu schade, irgendeine Aufgabe zu übernehmen, sei es das Verkaufen der Getränke, das Herrichten der Wolldecken oder die Darstellung auf der Bühne.

Das wünscht sich der Pfarrer vermehrt auch in der Kirchgemeinde. Die Menschen, die in den Gottesdienst kommen, sollen nicht Zuschauer, sondern vom Geschehen erfüllt sein. Wie im Theater sei auch in der Kirche jeder Einzelne dafür nötig: Der Mesmer, der die Kirche gastlich herrichtet ebenso wie der Kirchenmusiker.

Der Pfarrer werde zwar am meisten wahrgenommen, aber es komme nicht darauf an, ihn toll zu finden, sondern dass der Gottesdienst zum Erlebnis werde, sagt Tolfo. «Die schönste Rückmeldung, die ich bekommen kann, ist: ‹Die Feier hat mir etwas gegeben, weil ich in ihr vorgekommen bin, mich in ihr wiedergefunden habe.›» Seine Rolle sei nicht wichtiger als irgendeine andere, meint Tolfo. «Es nützt nichts, wenn ich zum Kirchenkaffee einlade, aber niemand hat den Kaffee gekocht.» Er sei kein Coach oder Manager der Kirchgemeinde, er sei ein Teil von ihr. Alle Seelsorger beider Konfessionen müssten lernen, dass sie jeweils nur eine Person von vielen in der Kirchgemeinde oder der Pfarrei sind. «Auch wenn bei uns alle Fäden zusammenlaufen, sind wir trotzdem keine Marionettenspieler.» Ausserdem seien Seelsorger keine Verwalter und müssten an Anlässen auch mitmachen.

Morgen, am Heiligabend, nimmt Renato Tolfo die gewohnte Rolle des Pfarrers ein. Dann ist der Advent vorüber. Der ist vergleichbar mit einer Theaterprobe und mündet in den Weihnachtsgottesdienst wie die Probe in der Theateraufführung.

Keine Theateraufführung ohne Publikum

Übte ein Theaterensemble ein Stück bis zur Perfektion ein, und niemand sässe im Publikum, bliebe es sinnfrei, weil das Erlebnis des Höhepunkts fehle, meint Tolfo. «Ebenso wird Weihnachten nur dann ein Höhepunkt, wenn es sich im Ganzen ereignet. Sonst bleibt eine Leere bei den Akteuren und den Besuchern zurück.» Deshalb freut es den Pfarrer immer sehr, wenn die Menschen im Gottesdienst die ihnen vertrauten Lieder mitsingen und Erinnerungen wecken.

Requisiten bringt man in erster Linie mit dem Theater in Verbindung. Es handelt sich bei ihnen um Gegenstände, mit denen man die Bühne ausstattet. Erst mit all den kleinen Details wirkt ein Bühnenbild realistisch. Sie helfen dem Zuschauer, sich in die Geschichte hineinzudenken, hineinzufühlen. Es ist die Vase auf dem Tisch oder eine Zeitung auf dem Sofa. Beim «Schmugglerkönig» war es ein Beil, das in einem Holzklotz steckte oder ein altes Fahrrad aus der Zeit, in der die Geschichte spielte.

Auch in der Kirche erfüllen Requisiten den Zweck, das Geschehen im Gottesdienst zu begreifen. Die Bibel vergegenständlicht Gottes Wort. Die brennende Osterkerze erinnert an die österliche Auferstehung Jesu Christi, der das Licht in der Welt sein will. Die vier Kerzen des Adventskranzes symbolisieren das Fortschreiten der vorweihnachtlichen Zeit. Der weihnächtlich geschmückte Tannenbaum steht für Beständigkeit und Treue, weil er auch im Winter seine Nadeln behält. (vdl)


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