Ein Stuhl für Cindy aus Marzahn

ST. MARGRETHEN ⋅ Ramona Weder beherrscht das seltene Handwerk der Autosattlerin. Obwohl sie viel mit Autos zu tun hat, sind hauptsächlich Leim, Schere und Nähmaschine ihre Werkzeuge.
30. Dezember 2017, 05:23
Benjamin Schmid

Benjamin Schmid

Mitte 2016 wagte die heute 39- Jährige den Sprung in die Selbstständigkeit, nachdem sie annähernd 20 Jahre auf dem gelernten Beruf tätig gewesen war. Weil ihr damaliger Chef in Pension ging, musste sie sich neu orientieren und machte aus der Not eine Tugend. Schon seit je war sie bestrebt, sich und ihr Umfeld mit ihrer Tätigkeit glücklich zu machen. «Nur wer die Anliegen der Kunden versteht, erreicht höchste Zufriedenheit», sagt Weder. Ausserdem sei in ihrem Beruf Kreativität wichtig und auch nötig, um die vielfäl­tigen Aufträge und Wünsche zu erfüllen. Kreativ sei sie schon immer gewesen, doch seit der Eigenständigkeit werde dies noch mehr beansprucht und gefordert.

Oldtimer wieder wie neu

In Weders Werkstatt steht ein komplett ausgeschlachteter Fiat 500 von 1968. «So kommen die Autos zu mir», sagt die Sattlerin und ergänzt: «Und wenn sie zwei, drei Monaten später fertig sind, können die Besitzer einsteigen und losfahren.» Für die ganze Elektronik sei nicht sie verantwortlich und dennoch ist ein gewisses Grundwissen über Autos und ihr Innenleben nützlich.

Sie ist es denn auch, die in der Werkstatt neue Inneneinrichtungen fertigt – von der Türverkleidung über Sitzpolsterung und Bezüge bis hin zu Teppichen und Gang-Schaltung-Einfassungen. Aber damit noch längst nicht genug: Carrosserie-Sattler stellen auch Plachen und Planen für Lkws und Boote her, können aber auch Stühle und Sessel, Motorrad- und E-Bikesättel, Fitnessgeräte und Tragtaschen gestalten. Diese Vielfalt ist gemäss Weder mit ein Grund, wieso sie diesen Beruf mag. Es gibt nur wenige Berufe mit vergleichbaren Variationsmöglichkeiten. «Mir wird nie langweilig», sagt sie.

Dauernd stehe sie vor neuen Herausforderungen, die ihre gesamte Erfahrung und Kreativität beanspruchen. Aber nicht nur die Aufträge bieten grosse Abwechslung, sondern auch der Umgang mit den Materialien und Werkzeugen offenbart ungeahnte Möglichkeiten. So arbeitet die Sattlerin mit Kunst- und Natur­leder, Stoffen jeglicher Art und Farbe sowie Schaumstoff. Bei Oldtimern aber auch mit Ösen, Schrauben und Nägel. Die meiste Zeit verbringt Weder mit schneiden, nähen und leimen.

Auftrag für Stand-up- Komikerin

Während sich einzelne Autosattler kaum mehr vor Aufträgen von prominenten Persönlichkeiten, reichen Geschäftsleuten oder politischen Entscheidungsträgern retten können, war es die letzten 20 Jahre bei Weder diesbezüglich ruhig. «Vor einigen Jahren», erinnert sie sich, «durften wir einen Stuhl rosarot beziehen. Wie sich später herausstellte, war er für die Komikerin Ilka Bessin alias Cindy aus Marzahn bestimmt.»

Unglücklicherweise habe sich die Künstlerin nicht in die Werkstatt verirrt. Weder weiss bis heute nicht, wann und wo dieser Stuhl verwendet wurde, ist sich aber sicher, dass er Cindy aus Marzahn gefallen hat.


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