Zehn Jahre Spaltpilz

Einsamer denn je: Mocmoc auf seinem Sockel am Romanshorner Bahnhofplatz. (Donato Caspari)
Das Mocmoc-Denkmal in Romanshorn entzweite eine ganze Gemeinde und sorgte monatelang für Streit. Am Ursprung stand ein gefälschtes Dokument – am Ende das Aus für eine Politikerin. Heute ist Mocmoc ein grosses Tabuthema.
15. September 2013, 08:22
Daniel Walt
«Beim nächsten Gewitter, oh ihr verzeiht, schlägt hoffentlich der erlösende Blitz in dieses gelbgeklotzte Teil ein.» Das steht in einem Leserbrief, der im September 2003 in der Thurgauer Tagblatt-Ausgabe publiziert wurde. Es war der erste von rund 100 Beiträgen, welche in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Einweihung des Mocmoc-Denkmals eingingen. Sie alle zeugen davon, wie sehr das angeblich auf einer alten Legende beruhende Mocmoc die Romanshorner in Aufruhr versetzte – und wie stark der Gemeinderat deswegen unter Druck geriet.

«Mocmoc polarisierte stark»
Nicole Wydler war zu jener Zeit projektverantwortliche FDP-Gemeinderätin – und glühende Mocmoc-Verfechterin. Die Mehrheit der Romanshorner verzieh ihr dies sowie ihren Umgang mit der Krise nicht – und bestätigte sie später nicht mehr. «Belastend war, wie sehr Mocmoc polarisierte. Und der Vorwurf, wir hätten betrogen und gelogen», blickt sie heute, zehn Jahre später, zurück. In der Tat: Die Härte der Auseinandersetzungen um das Fabelwesen steht im Kontrast zur Ruhe, welche in Romanshorn zuvor geherrscht hatte – und zur Harmlosigkeit, mit der das Projekt seinen Anfang nahm.

«Plastikente», «alberne Figur»
Bevor Mocmoc Mitte September 2003 im Rahmen eines Kinderfestes eingeweiht wurde, waren alle auf sein Aussehen gespannt. An einem sonnigen Samstagmorgen fiel dann der Schleier – und die Romanshorner hatten freien Blick auf ein Pokémon-ähnliches, schwarzgelbes Fischwesen mit Horn, das auf einem Sockel thronte. Die Reaktionen folgten auf dem Fuss. Als «Plastikente», «alberne Figur» und vieles mehr sollte Mocmoc in der Folge betitelt werden. Nur eine Minderheit konnte dem Fabelwesen etwas abgewinnen.

Mocmoc wird zum Politikum
Noch mehr als Mocmocs Aussehen polarisierte indes seine Inszenierung als neuzeitlicher Stadtheiliger. So fragte die Frau eines evangelischen Pfarrers in einem Leserbrief: «Fühlen wir uns so sehr von Gott verlassen, dass wir ein gelbes Mocmoc brauchen?» Die grosse Mehrheit der Romanshorner wollte in Mocmoc partout kein neues Wahrzeichen sehen. Massiv brach der Konflikt dann aus, als bekannt wurde, dass es der Gemeinderat in Sachen Mocmoc-Legende mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. Die Behörde hatte nämlich behauptet, das Projekt des St.Galler Künstlerduos Com&Com beruhe auf einem im Gemeindearchiv gefundenen Dokument aus den 1930er-Jahren, das die Geschichte von Mocmoc erzähle. Schliesslich stellte sich heraus, dass die angebliche Legende auf einer alten Schreibmaschine getippt und erst vor kurzem ins Archiv gelegt worden war. Erfunden hatten die Geschichte Kreise um Com&Com. Ziel: Das frühere Bähnler-, Pöstler- und Zöllnerdorf Romanshorn, das den Wegfall vieler Bundesstellen zu verdauen hatte, sollte eine neue Identifikationsfigur erhalten.

Ein Sturm der Entrüstung
Der Enthüllung über die Hintergründe des Projektes folgte ein Sturm der Entrüstung. Der Gemeinderat zeigte sich erstaunt und betonte, die Inszenierung sei eine Bedingung von Com&Com gewesen. «Die Künstler haben das Sagen», erklärte Gemeinderätin Nicole Wydler. Marcus Gossolt und Johannes Hedinger von Com&Com stellten lapidar fest: «Wir sind die Regisseure. Auch die Politiker haben eine Rolle im Stück.» Sie erklärten Mocmoc gar zum Gesamtkunstwerk – jeder Leserbrief trug zu dessen Vervollständigung bei.

Aussprache und Abstimmung
Als Monate später auch noch herauskam, dass für das rund eine Viertelmillion teure Mocmoc-Projekt keine Baubewilligung eingeholt worden war, hatte der Gemeinderat längst eine Aussprache ankündigen müssen. Der FDP-Präsident, ein Mocmoc-Gegner, war unter anderem wegen parteiinterner Kritik entnervt zurückgetreten und Romanshorn war in der regionalen Wahrnehmung zu Entenhausen mutiert. Beim Infoabend, zu dem auch ein Team von «10 vor 10» anreiste, herrschte eine gehässige Atmosphäre: Ein Bürger stellte gar die Möglichkeit einer Sammelklage gegen die Behörde in den Raum. Es kam, was kommen musste: Der Gemeinderat entschuldigte sich und willigte in eine Standortabstimmung ein. Aufgrund der Kosten und des Wirbels, den eine Versetzung an den See mit sich gebracht hätte, entschied sich eine knappe Mehrheit im Mai 2004, Mocmoc auf dem Bahnhofplatz stehen zu lassen. Die Stimmbeteiligung: sagenhafte 56 Prozent.

Mocmoc wird ignoriert
In der Folge kehrte Ruhe rund um Mocmoc ein. Spätestens als die Bevölkerung einen Budgetposten für ein zweites Kinderfest strich, wurde die Figur zum Tabuthema. Bis heute machen die Gegner die Faust im Sack und ignorieren Mocmoc. Und um nicht in alten Wunden herumzustochern, wagen es seine Befürworter nicht, das Fabelwesen zu neuem Leben zu erwecken. Nicole Wydler sagt dazu: «Wenn man das Potenzial sieht, das Mocmoc gehabt hätte, bedauere ich, wie es herausgekommen ist.» Mocmoc, der Kinderfreund und verhinderte Identitätsstifter, ist in Romanshorn im Lauf der Zeit zum «Symbol für Leichtgläubigkeit, leichtfertiges Ausgeben von Steuergeldern und verärgerte Bürger» geworden, was ihm eine Romanshornerin schon vor zehn Jahren prophezeit hatte. An seinem zehnten Geburtstag steht er einsamer denn je auf seinem Sockel.

Wie der Mocmoc-Skandal ins Rollen kam

Im Frühling 2003, einige Monate vor der Einweihung des Mocmoc-Denkmals, informierte der Gemeinderat ein erstes Mal ausführlich über das Kunst-am-Bau-Projekt für den neu gestalteten Bahnhofplatz. Ausgewählt hatten es eine Kommission sowie die Behörde – trotz Bedenken, wie sich später zeigte. Auf Gemeindepapier wurde die Legende von Mocmoc lanciert. Ein Historiker habe bei Arbeiten im Gemeindearchiv ein Dokument aus den 1930er-Jahren mit der Legende eines Fischwesens namens Mogmok gefunden. Die Geschichte erzählt, wie Waisenbub Roman mit Mogmoks Horn die Einwohner vor einem Brand warnt. Später habe man das Dorf dann Romanshorn genannt. Daraus resultierte ein Projekt des Künstlerduos Com&Com. Dieses taufte Mogmok zu Mocmoc um – die Umkehrung ihres Künstlernamens. (dwa)


Leserkommentare

Anzeige: