Frühfranzösisch bleibt umstritten

FREMDSPRACHEN ⋅ Der Französischunterricht soll im Kanton St. Gallen weiterhin in der Primarschule beginnen. Zu diesem Schluss kommt die vorberatende Kommission. Ganz zufrieden zeigt sie sich aber nicht.
08. April 2017, 05:17
Arcangelo Balsamo

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@tagblatt.ch

Seit dem Schuljahr 2008/09 werden Schüler im Kanton St. Gallen ab der 3. Klasse in Englisch und ab der 5. in Französisch unterrichtet. Das soll so bleiben, findet die vorberatende Kommission des Kantonsrats. Sie hat den entsprechenden Bericht der Regierung geprüft. Dem Bericht vorangegangen war ein Postulat im Kantonsrat, das eine Überprüfung der Fremdsprachenstrategie in der Primarschule forderte. «Die Idee hinter dem Fremdsprachenunterricht ab der Primarstufe ist, die Kinder bereits früh für das Erlernen einer Fremdsprache zu begeistern», sagt Kommissionspräsident Sandro Hess (CVP), selber Sekundarlehrer und Schulleiter. «Es ist ausserdem wichtig, dass wir dem Umstand Rechnung tragen, dass es in der Schweiz vier Landessprachen gibt.»

Französisch überfordere die Schulkinder zwar nicht, die Sprache sei aber weniger akzeptiert als Englisch, hält die Kommission in ihrer Mitteilung fest. Nicht nachgewiesen sei ausserdem, dass zwei Fremdsprachen in der Primarschule die Kinder grundsätzlich überfordere. Jedenfalls sei bis jetzt noch keine Studie zu diesem Schluss gekommen. Unklar sei auch, ob ein späterer Beginn mit dem Fremdsprachenunterricht zu besseren Resultaten führe. Zum selben Schluss kam auch eine im Auftrag der Regierung durchgeführte Befragung im Kanton St. Gallen. «Auch aus diesem Grund wird es in Zukunft immer wieder Diskussionen rund um die Thematik geben», ist sich Kommissionspräsident Hess sicher.

Das Problem der geografischen Lage

Dass es nicht einfach sei, alle Schüler für den Französischunterricht zu motivieren, habe auch mit der geografischen Lage des Kantons zu tun, sagt Hess. «Viele Schüler wissen nicht, wofür sie die Sprache überhaupt lernen sollen, da sie diese vielleicht nie anwenden können. Wäre dies nicht der Fall, hätten viele schneller Freude daran.» Deshalb könne ein Schüleraustausch von Vorteil sein. «Ich finde es bedenklich, dass es Schweizer gibt, die nie in einer anderen Sprachregion waren als in ihrer eigenen.»

Trotz Kritik möchte die Kommission das aktuelle System nicht verändern. «Es ist der falsche Zeitpunkt, alles über den Haufen zu werfen», so Hess. Schliesslich müsse man den Änderungen Zeit lassen, damit sie sich entwickeln können und man genügend Erfahrungswerte sammeln könne. «Es ist jedoch wichtig, dass man die Entwicklung genau verfolgt und Kritik ernst nimmt.»

Einer der häufigsten Einwände sei, dass die Schüler erst einmal richtig Deutsch lernen müssten, bevor sie eine zweite oder dritte Sprache lernen. «Dieser Ansicht sind wir auch in der Kommission», sagt Hess und fügt an, dass die deutsche Sprache die Basis für alle weiteren Fächer sei. «Es macht keinen Sinn, den Schülern etwas in einer Fremdsprache beizubringen, wenn sie den Stoff im Deutschunterricht noch nicht behandelt haben.» Dass die deutsche Sprache nicht mehr so vertieft behandelt werden könne, habe unter anderem mit dem ständigen Ausbau des Fächerspektrums zu tun.

Thurgauer Lehrer gegen Frühfranzösisch

Das Frühfranzösisch beschäftigt derzeit auch den Thurgau. Hätten dort die Lehrer das Sagen, dann würde das Frühfranzösisch abgeschafft. In einer Umfrage des Lehrer-Dachverbandes Bildung Thurgau sprachen sich 54 Prozent der teilnehmenden Lehrpersonen für den Frühunterricht in nur einer Fremdsprache aus (Ausgabe vom 31. März). Dabei wird dem Englischen mit 70 Prozent klar der Vorzug gegenüber der Landessprache gegeben. Die vorberatende Kommission des Thurgauer Grossen Rates hat ihre Beratung zum Thema abgeschlossen. Mitte April will sie ihren Bericht veröffentlichen. Lehnt das Parlament die entsprechende Vorlage ab, bleibt das Frühfranzösisch. Ob es danach noch zu einer Volksabstimmung kommt, ist offen.


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