Frühfranz im Thurgau: Auch nicht ab der Sechsten

FRÜHFRANZÖSISCH ⋅ Die vorberatende Kommission hält an der Abschaffung des Frühfranzösisch fest. Sie lehnt einen Kompromissvorschlag von Regierungsrätin Knill ab, mit dem Unterricht in der sechsten Klasse zu beginnen.
15. April 2017, 07:40
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Die schweizweite Kritik macht im Thurgau keinen Eindruck. Ebenso wirkungslos ist die Drohung von Bundesrat Berset, den Thurgau per Bundesgesetz zur Räson zu bringen – jedenfalls bei der vorberatenden Kommission des Grossen Rats, die sich mit der Abschaffung des Frühfranzösisch befasst. Sie empfiehlt dem Grossen Rat mit neun zu fünf Stimmen, Bersets Muttersprache vom Stundenplan der Thurgauer Primarschulen zu streichen.

Seit 1991 wird Französisch an Thurgauer Primarschulen ab der fünften Klasse unterrichtet. 2009 kam Englisch ab der dritten Klasse dazu. Der Grosse Rat erklärte 2014 mit 71 zu 49 Stimmen eine Motion zur Abschaffung des Frühfranzösisch für erheblich: Die Schüler seien von einer zweiten Fremdsprache überfordert. Der Regierungsrat, der sich dagegen gestellt hatte, versuchte, die Motion in eigener Regie umzusetzen. SVP-Regierungsrätin Monika Knill kündigte den Ausbau des Französischunterrichts an der Sekundarschule an. Damit sollten Thurgauer Schulabgänger ebenso gut – oder schlecht – Französisch sprechen wie bisher.

Die vom Amt für Volksschule erarbeiteten Stundentafeln stiessen auf Kritik: Die Gesamtstundenzahl werde zu hoch, der Unterricht zu sprachenlastig. Der Regierungsrat entschied, dem Grossen Rat eine Gesetzesvorlage zur Abschaffung des Frühfranzösisch zuzustellen. Somit kann das Kantonsparlament ein zweites Mal darüber entscheiden. Ausserdem erhalten so allenfalls die Thurgauer Stimmbürger das letzte Wort (siehe Kasten).

Die Kommission lehnte mit zehn zu drei Stimmen einen Kompromissvorschlag der Erziehungsdirektorin ab, mit dem Französischunterricht erst in der sechsten Klasse zu beginnen, mit drei Lektionen pro Woche. Damit wäre das Problem der überfüllten Stundentafeln an den Sekundarschulen gelöst worden. «Zudem dürfte sich auch der Bund mit dieser Lösung zufrieden geben», heisst es im Kommissionsbericht. Bestehen bliebe der Nachteil, dass der Thurgau mit der Sprachenstrategie der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) brechen würde und den Sprachenfrieden störe. Die EDK hatte sich 2004 auf das Modell 3/5 geeinigt: die erste Fremdsprache soll ab der dritten Klasse gelernt werden, die zweite ab der fünften. 23 Kantone haben dieses Modell mittlerweile eingeführt.

Die Wissenschaft hilft nicht weiter

«Die Kommission nahm zur Kenntnis, dass man auf den Beizug von Studien als Entscheidungsgrundlage zum jetzigen Zeitpunkt verzichten sollte», schreibt Kommissionspräsident Urs Schrepfer (SVP). Im Auftrag von Bund und Kantonen erstellte die dänische Universität Aarhus eine Forschungsübersicht. «Das ernüchternde Fazit» gemäss Schrepfer: «Keine der verschiedenen Präferenzen zum Fremdsprachenunterricht kann wissenschaftlich positiv oder negativ untermauert werden.»

Mehrere Kommissionsmitglieder äusserten gemäss Schrepfers Bericht ihren Unmut darüber, dass die Stundentafeln der Sekundarschule «keinen wirklichen Lösungsansatz» enthalten hätten: «Man stellte sich die Frage, ob die präsentierte Lösung nicht einfach die ablehnende Haltung des Regierungsrats gegenüber der Motion widerspiegle.» Kritisiert wurde insbesondere, dass die Schüler der Stammklasse G Französisch nach der ersten Sekundarklasse nicht mehr abwählen könnten.

Die Frühfranzösischgegner in der Kommission erklärten ihre Haltung auch damit, dass die ab August 2017 geltenden Stundentafeln keine Verbesserung des Französischunterrichts brächten. Gemäss Bericht fehlt ihnen «das Vertrauen in das Amt für Volksschule», die Situation mit dem Modell 3/5 nachhaltig und deutlich zu verbessern.

Die Kommissionsmehrheit sieht kein Problem in der gefährdeten Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme. Auch innerhalb der Thurgauer Schulgemeinden gebe es Unterschiede. Zudem sei ein Wechsel von Schulkindern zwischen den Kantonen vernachlässigbar. Den nationalen Zusammenhalt sieht die Kommissionsmehrheit nicht gefährdet. Laut Bericht ist die «grosse Mehrheit» der Kommission der Meinung, «dass Frühfranzösisch in dieser Hinsicht überbewertet sei».


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