Alle grossen Vögel sind gefährdet

Die Geflügelpest breitet sich aus. Die Krankheit, die bisher in der Bodenseeregion nur Wildvögel befallen hatte, hat in Vorarlberg bereits auf Hausgeflügel übergegriffen.
11. November 2016, 06:30
Urban Rechsteiner, Chris Gilb

Die Schweiz, Österreich und Deutschland koordinieren ihre vorsorglichen Massnahmen, um ein Übergreifen auf andere Schweizer Seen und weitere Nutztierbestände zu verhindern. Rund um den See wird ein Uferstreifen von einem Kilometer Breite definiert, um den Kontakt zwischen Wildtieren und Hausgeflügel zu verhindern. Gleichzeitig wird am See und am Rhein ein engmaschiges Monitoring betrieben. Auch hat der Bund vorsorglich Beobachtungsgebiete um etliche grössere Gewässer in der Schweiz eingerichtet. – Was hat es mit der Vogelgrippe des Typs H5N8, an der bereits über 100 Wildvögel, hauptsächlich Reiherenten, verendet sind, auf sich? Wir bringen die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Um welchen Subtyp der Vogelgrippeviren handelt es sich?

Am Bodensee wurde bisher einzig der Subtyp H5N8 nachgewiesen, wie das Friedrich-Loeffler-Institut, das deutsche Forschungsinstitut für Tiergesundheit, mitteilt. Vor zehn Jahren war es vor allem der Subtyp H5N1. Dieser wurde nachweislich auf den Menschen und wahrscheinlich auch von Mensch zu Mensch übertragen.

Sind auch diesmal Menschen gefährdet?

Gemäss Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gibt es keine Hinweise, dass H5N8 auf den Menschen übertragen werden kann.

Was wird gegen die Ausbreitung unternommen?

Das BLV ordnet ab heute Freitag Kontroll- und Beobachtungsgebiete an. Das Kontrollgebiet umfasst einen Streifen um den Bodensee mit einer Breite von einem Kilometer. In diesem Gebiet muss gewährleistet sein, dass Geflügel nicht mit Wildtieren in Kontakt kommt. Futter- und Tränkanlagen dürfen nicht für Wildtiere zugänglich sein. Lässt sich dies nicht einhalten, müssen die Tiere im Stall untergebracht werden. Ausserdem werden die Hygienevorschriften in grösseren Geflügelbetrieben verschärft. Im Beobachtungsgebiet, das drei Kilometer umfasst, sind die Geflügelhalter aufgefordert, ihre Tiere genau im Auge zu behalten und sich bei Verdacht auf Vogelgrippe sofort mit den zuständigen Behörden in Verbindung zu setzen.

Was sind die Symptome bei den Vögeln?

Laut BLV reichen die Symptome von verformten oder schalenlosen Eiern über Durchfall bis zu Durchblutungsstörungen und Schwellungen. Durch die Krankheit können bei den infizierten Tieren auch Veränderungen im Verhalten ausgelöst werden. Kranke Tiere wirken meist schwerfällig. Bei Wildtieren sind die Symptome der Krankheit meist weniger auffällig.

Wie verläuft die Krankheit?

Beim Vogelgrippevirus handelt es sich laut BLV um ein hochpathogenes Virus. Das bedeutet, die Erreger machen das Tier sehr schnell krank. Das führt in den meisten Fällen schnell zum Tod.

Wie stecken sich die Tiere an?

Die Vogelgrippe wird über eine «Tröpfcheninfektion» verbreitet. Die Ansteckung erfolgt über die Atemwege durch das Einatmen von Tröpfchen, die aus Nasen- oder Rachensekreten von infizierten Tieren stammen oder durch das Einatmen von erregerhaltigem Staub, der mit infiziertem Kot in Kontakt war.

Wie viele Vögel sind bereits erkrankt?

Die Anzahl der infizierten Vögel zu bestimmen ist laut dem St. Galler Kantonstierarzt Albert Fritsche nicht möglich. In den letzten Tagen sind 100 tote Vögel im Bodenseeraum gefunden worden. Gestern kamen weitere hinzu. Wie gross die Anzahl der verendeten Vögel ist, die nicht gefunden werden, lässt sich nicht abschätzen.

Welche Vögel können sich anstecken?

Das Virus kann alle Vogelarten befallen. Eine grosse Gefährdung besteht für Nutztiere, da diese auf engem Raum zusammen leben. Bisher sind vor allem Enten betroffen. Bekannt ist bisher vor allem der Befall von Wasservögeln – diese haben untereinander intensiven Kontakt. «Andere Arten wurden nicht so häufig angesteckt, weil sie sich meist nicht in der Nähe von Wasservögeln aufhalten», sagt Fritsche.

Wie viele Geflügelzüchter sind von den BLV-Massnahmen betroffen?

Im Kanton St. Gallen sind es nur Kleinstbetriebe. Hobbyzüchter, welche nicht registriert sind, werden gebeten, sich beim Veterinäramt des zuständigen Kantons zu melden.

Wie ist das Virus überhaupt an den Bodensee gelangt?

Das Auftauchen von H5N8 vor einigen Tagen am Plöner See in Schleswig-Holstein und jetzt am Bodensee steht laut dem Friedrich-Loeffler-Institut in Zusammenhang mit dem Vogelzug. Dieser sei möglicherweise durch Frost in Skandinavien und Nordrussland beschleunigt worden und deshalb noch in vollem Gange.

Wie viele Vögel rasten derzeit am Bodensee?

Im November halten sich laut Vogelwarte Sempach jährlich rund 300 000 bis 500 000 Wasservögel am gesamten Bodensee auf. Der See ist ein sehr beliebter Rastplatz für Wasservögel, da er über viele Flachwasserzonen verfügt.

An welchen anderen Gewässern könnte die Krankheit noch ausbrechen?

Gemäss der Vogelwarte könnten Wasservögel theoretisch überall betroffen sein, besonders an allen beliebten Rastplätzen, etwa am Südufer des Neuenburgersees.

Wo trat H5N8 dieses Jahr sonst noch auf?

Fälle von H5N8 kamen dieses Jahr schon in Ungarn, Polen, Russland und sogar in Indien vor, wo auch Zoovögel betroffen waren. Laut Friedrich-Loeffler-Institut sterben im Vergleich zum Vorjahr in Europa vermehrt Wasservogelarten am Virus. Deshalb will das Institut genetische Untersuchungen und Tierexperimente durchführen, um mögliche Veränderungen des Virus zu analysieren.

Wann trat H5N8 zum ersten Mal auf?

Laut der Forschungsdatenbank für Viren wurde der erste Ausbruch 1983 in Irland dokumentiert. Damals wurden in einem Geflügelbetrieb deswegen 8000 Truthähne, 28 000 Hühnerküken und 270 000 Enten getötet – das waren 97 Prozent des in Irland kommerziell gehaltenen Entenbestandes. Zwischen 1998 und 2011 kam es dann wiederholt zu Ausbrüchen in den USA.


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