Hasenalarm im Vogelkonzertraum

AUENWALD AM RHEINSPITZ ⋅ Der lichtvolle Hartholz-Auenwald am Vorarlberger Rheinspitz gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen des östlichen Bodenseeraums. Das Gebiet steht seit den 1940er-Jahren unter Naturschutz und wird trotzdem vielfältig genutzt.
17. Juli 2017, 06:43
Marcel Elsener

Marcel Elsener

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Es ist kein wilder, weiter Wald, aber doch ein Prachtstück Wald, wie es ihn in der Ostschweiz nirgends gibt. Wobei unsere Gegend über die Landesgrenze hinaus gedacht werden muss: Das auch von Ostschweizern viel begangene Wäldchen liegt im vorarlbergischen Gaissau, zwischen Gaissauer Riet und Rheinspitz, direkt über dem Alten Rhein bei Thal.

Populär ist das Rheinholz, wie das Gebiet heisst, weil es zu allen Jahreszeiten leicht begehbar und vielfältig nutzbar ist: Die einstündige Rundstrecke eignet sich für Grossfamilienspaziergänge und Teamrennläufe ebenso gut wie für einsame Denkschritte und Liebespaarschlaufen, egal wie frisch, alt, unbelastet oder kriselnd die Verbindung gerade ist – die Abwechslung zwischen urwaldähnlichem Dickicht und lieblichen Lichtungen hilft Blockaden zu lösen. Kein anstrengendes Wandern, sondern leichtes Flanieren. Auch der übergewichtige Onkel, der nie mit dem Rauchen aufgehört hat, kann nicht klagen: Flacher geht Wald nicht. Er schimpft höchstens über manche feuchte Stelle, die seinen Lederhalbschuhen schlecht bekommt.

Die grössten Fans dieses Waldgebiets sind die Vogelfreunde: kein Sonn- oder Feiertag im Frühling, an dem nicht ein ornithologischer Verein hierhin seinen Ausflug macht. Je früher am Morgen, desto entzückender der vielstimmige Vogelchor (wobei das Betreten erst ab 5 Uhr erlaubt ist); ein Ornithologe hat das Rheinholz einmal den «schönsten Vogelkonzertraum Mitteleuropas» genannt. Tatsächlich finden Vogelkenner im Rheinholz nicht nur selten viele, sondern auch viele seltene Vögel, wie Nachtreiher, Grauspecht, Kiebitz und sogar den Pirol, der knallgelb leuchtet und unverkennbar sein «Düdelio» singt, aber für Sichtungen meist zu hoch oben in den Baumwipfeln unterwegs ist.
 

Hasen, Ringelnattern und eine wunderschöne tote Schleiereule

Die Vogelfreunde hätten an uns keine Freude gehabt, damals in den 70er-Jahren. Hasenwald nannten wir das Gebiet, drei Buben aus Rorschach, die viel lieber ins österreichische Gehölz gingen als ins Appenzeller Hügeli-uf-Hügeli-ab-Land. Hasenwald, weil uns die Eltern dort in aller Früh lehrten, Hasen aufzuspüren: geräuschlos durchs Unterholz schleichen und dann an einer dichten Stelle laut in die Hände klatschen. Auf diese lärmige Weise sahen wir so viele Feldhasen wie später nie mehr. Heute kämpfen die Hasen auch im Rheindelta ums Überleben: Jüngst wurden in Gaissau lediglich noch sieben gezählt.

Doch bleibt das Rheinholz mit seinen vielgestaltigen Waldrändern, Hecken und Wiesen am See ein Refugium für unzählige Tiere – von der Gelbbauchunke bis zum Dachs; sogar Urzeitkrebse tummeln sich hier, und zwei Biberfamilien, mit Revieren je am Alten Rhein und am Gaissauer Seehafen. Selber erspähten wir auf den alten Dammsteinblöcken am Flussweg mehrfach Ringelnattern. Und ein toter Vogel bleibt in andächtiger Erinnerung: eine Schleiereule, so unversehrt, als wär sie im Schlaf gestorben; wir trugen sie ins Auto und begruben sie später mit einer aufwendigen Kinderprozession am Rorschacherberg. Warum wir Kinder den Ausflug nach Gaissau so liebten, liegt auch an der Landschaft: Allein die Sprünge über die Grasborstenhügel, die wir «tote Indianer» nannten, waren ein Erlebnis, das es nur hier gab. Steifs­eggenried lautet der Fachbegriff für diese urige Landschaft, Mockenried sagen sie in der Vorarlberger Mundart.

Und erst die Bäume: Nichts gegen Tannen- oder Buchenwälder, aber der Mischwald im Rheinholz ist interessanter. Von Efeu umrankte Riesen erinnern an die «Ents» aus «Herr der Ringe», die losmarschieren gegen das Böse. Eschen, Ulmen, Birken, Ahorn, Eichen prägen das Bild, aber auch – zum See hin – Weiden und Pappeln. Die rötliche, speziellste Note kommt von Kiefern, die auf den Kiesbänken einstiger Flussläufe wachsen und dem Wäldchen einen mediterranen Touch geben. Für Walter Niederer, Geschäftsführer vom Naturschutzverein Rheindelta, ist das Rheinholz der «schönste, naturbelassenste» Abschnitt des Vorarlberger Rheindeltas, das ohnehin zu den wertvollsten Naturgebieten Europas zählt. Im letzten Auenwald, der periodisch überflutet wird (nicht mehr vom Rhein, sondern vom See), habe vieles seinen Platz und guten Grund; beispielsweise hielten die Kühe, die hier seit jeher weiden, die Verbuschung von Lichtungen auf und sorgten andererseits für die Verbreitung des Weissdorns.
 

Die sensible Besucherlenkung des Naturschutzmanagers

Wie alt die ältesten Bäume sind, kann Niederer nur schätzen: Wohl seien es die Kopfweiden am Schilfweg, doch sei deren Alter schwer zu bestimmen, weil sie «von innen stets rausfaulen». Die Eichen in der mittleren Aue könnten 200 bis 300 Jahre alt sein, gepflanzt vermutlich als Futterbäume für Schweine. Wann der einst wild in den See mündende Rhein den Auenwald entstehen liess, lässt sich ebenfalls nur schätzen: Auf Karten des 17. Jahrhunderts ist das Rheinholz bereits eingezeichnet. Unter Naturschutz gestellt wurde es erstmals 1942 unter der Nazi-Herrschaft, und international verbindlich dann 1976. Stets versuchten die Vorarlberger Behörden Schutz und Nutzung im Gleichgewicht zu behalten.

Erfreut beobachtet Niederer, seit 17 Jahren Gebietsbetreuer und eingeborener Gaissauer, dass «Parkplätze, Kiosk, Badestellen und Landwirtschaft in einer guten Mitte korrelieren». Der Druck sei gross, den Schutz mit Verboten und Schildern strenger zu regeln, «doch das geht an der Realität der Leute vorbei». Dank der Schleuse mit Gatter am Waldparkplatz, von dem es 2,5 Kilometer bis zur Jausestation und zum See sind, und dank geschickter Besucherlenkung mit breiten Wegen und kaum sichtbaren Gräben bleibt der Wald von übermässigen Besucherströmen und Festexzessen verschont. Nur an zwei Wochenenden rund um Ostern, wenn sich ein Bärlauchmeer ausbreitet, wird es zu viel – dann genügen die 20 Waldparkplätze und gut 100 weiteren Parkplätze entlang der Rheinstrasse nicht mehr. Vom «integrativen Ansatz», den die Vorarlberger nach dem Motto «viel Naturschutz, aber auch viele Nutzungen» im Rheindelta zulassen, profitieren auch Schweizer – Wildbader ebenso wie Ornithologen. Die Idee einer Fähre in Altenrhein haben Niederer und seine Kollegen resolut abgelehnt: Sie würde das labile Gleichgewicht aus dem Lot bringen. Wenn von Schweizer Seite («mit ihrer Riesenmarina» und dem Flugplatz) wieder mal strenge Schutzforderungen über die Grenze gerufen werden, entgegnet Niederer pragmatisch: «Wir sind kein Zoo.» Recht so. Das Rheinholz ist so viel spannender.


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