Leitartikel zu den Vorsätzen für das neue Jahr

Legen Sie das Telefon mal einen Tag zur Seite

30. Dezember 2017, 10:12
Jürg Ackermann
Das alte Jahr dauert noch etwas mehr als 24 Stunden. Wer jetzt noch keinen Vorsatz fürs 2018 gefasst hat, sollte sich beeilen. Mit dem Rauchen aufhören. Weniger Schokolade essen. Mehr Sport treiben. Früher zählten diese zu den beliebtesten Neujahrsvorsätzen. Im digitalen Zeitalter verschieben sich die Gewichte.

Gemäss einer neuen Studie der Unternehmensberatung Deloitte wünschen sich 45 Prozent der Smartphone-Besitzer nichts sehnlicher, als dass sie 2018 weniger auf den kleinen Bildschirm starren, der doch immer mit so faszinierenden Inhalten gefüttert ist. Online läuft permanent etwas. Es gibt immer eine neue Nachricht auf Twitter, einen neuen Post auf Facebook, ein neues Bild auf Instagram, eine neue vermeintlich wichtige Meldung auf Nachrichtenportalen. Und es gibt immer etwas nachzuschauen: Wie das Wetter wird, wie der Lieblingsfussballclub spielt oder ob es Stau hat. Experten gehen davon aus, dass ein Viertel der unter 30-Jährigen, die mit dem Internet gross geworden sind, das Smartphone ständig in Griffweite haben – auch in der Nacht oder auf dem WC. Und dass sie sich verloren fühlen, wenn ihr Handy keinen Akku mehr hat.  Die Generation Ü30 ist da übrigens nicht viel besser.

Forscher weisen schon lange darauf hin, dass wir trotz dieser eigentlich wunderbaren digitalen Hilfsmittel nicht wirklich effizienter werden. Wer ständig zwischen den Online-Kanälen hin- und herwechselt, hat Mühe, sich auf etwas zu konzentrieren, verliert an Tiefgang, schwirrt nur noch an der Oberfläche und lässt sich treiben. Oft ist es dann wichtiger, dass man kommuniziert, als was man mitteilt.

Auch die jüngsten Ergebnisse einer Studie aus Südkorea sind nicht gerade beruhigend.  In Seoul haben Forscher mittels Magnetresonanzexperiment herausgefunden, dass sich bei Handysüchtigen das Hirn verändern kann. Die Kommunikation zwischen Nervenzellen und gewissen Hirnbereichen ist gestört, wenn Menschen ständig online sind und stundenlang zwischen Facebook, Google und Kurznachrichtendiensten hin- und herhetzen. Der Grund: Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, alles gleichzeitig und in immer höherem Tempo zu machen. Da bleibt fürs 2018 nur der Rat: Nehmen Sie es auch mal ruhiger. Schauen Sie in die Bergwelt statt auf den Bildschirm, wenn Sie an der Schneebar einen Schümlipflümli trinken. Lassen Sie das Handy zu Hause, wenn Sie mit ihren Kindern oder Enkeln auf den Spielplatz gehen, und konzentrieren Sie sich auf die wunderbare Offline-Welt. Ignorieren Sie das Klingeln des Telefons, wenn Sie nicht in der Laune sind, den Anruf entgegenzunehmen. Wenn es wirklich wichtig ist, wird der Anrufer es später nochmals versuchen – oder ein SMS schicken.

Unser Leben wird weder reicher noch tiefer, wenn wir jede vermeintlich entscheidende Regung auf sozialen Netzwerken oder mit einem Foto festhalten. Die Gefahr ist gross, dass wir die wirklich wichtigen Momente verpassen, weil wir durch virtuelle Ereignisse im Internet abgelenkt sind. Das Smartphone 2018 mal ein paar Tage beiseitelegen: Vielleicht werden Sie scheitern. Aber einen Versuch zumindest ist es wert. Denn, um es mit der Buchautorin Anitra Eggler zu sagen: Abschalten wird im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Weil sich viele permanent in Zeitnotstand fühlen und gehetzt sind wie nie. Nur Sklaven sind ständig erreichbar und starren wie ferngesteuert auf den Bildschirm. Noch ist es nicht zu spät. Laut der zitierten koreanischen Studie lassen sich negative Veränderungen im Gehirn auch wieder rückgängig machen. Es braucht dafür einzig Abstinenz. 

juerg.ackermann@tagblatt.ch

Anzeige: