Drei Jahre für Babyschüttler

WEINFELDEN ⋅ Das Bezirksgericht Weinfelden hat einen Familienvater zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Er hatte sein Kleinkind heftig geschüttelt. Es erlitt schwere bleibende Schäden.
29. September 2017, 06:51
Mario Testa

Mario Testa

mario.testa

@thurgauerzeitung.ch

Eine Familientragödie hatte sich im Frühling 2013 im Thurgau abgespielt. Ein damals 25-jähriger Mann war so überfordert mit seiner schreienden Tochter, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als das wenige Wochen alte Mädchen zu schütteln, sie zu schlagen und ihr die Luft abzuschnüren. Das Kleinkind erlitt ­dadurch einen Schädelbruch und schwere Hirnverletzungen. Es leidet seither unter Epilepsie, einer Bewegungsbehinderung und hochgradigen Sehstörungen.

Am Dienstag musste sich der Beschuldigte für seine Tat vor dem Bezirksgericht Weinfelden in Fünferbesetzung verantworten. Bei der Befragung wollte der Vorsitzende Richter Pascal Schmid vom Beschuldigten wissen, wie er heute über den verhängnisvollen Abend im April 2013 denke. «Ich denke jeden Tag daran. Es ist eine schlimme Tat. Ich kann nur versuchen, meiner Tochter nun das bestmögliche Leben zu bieten», antwortet der geständige Mann. «Meine Tochter wollte einfach nicht aufhören zu schreien. Also habe ich sie gegen meinen Bauch gedrückt, damit sie endlich Ruhe gibt», sagte er vor Gericht. Auf Nachfrage der Richter ergänzte er im Verlaufe der Verhandlung, das Mädchen an jenem Abend auch geschüttelt und ihren Kopf ins Sofakissen gedrückt zu haben. «Ein paar Tage zuvor habe ich sie auch mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.» Es sei auf alle Fälle klar, dass er für die Verletzungen seiner Tochter verantwortlich sei, und niemand sonst.

Erst am nächsten Tag ins Spital

Die vom Mann eingeräumten Taten passen allerdings nicht zum Schädelbruch, den das Mädchen erlitten hatte. «An jenem Abend habe ich sie nicht geschlagen. Ich habe aber mit beiden Händen gegen ihren Kopf gedrückt. Ich denke, das war die Ursache für den Schädelbruch», sagt der Beschuldigte. Nach der Tat habe er das Baby ins Bettchen gelegt und sei schlafen gegangen. Erst am nächsten Tag habe seine Frau gemerkt, dass sich die Tochter ungewöhnlich verhalte, und sei mit ihr ins Kinderspital gefahren, wo die schweren Verletzungen festgestellt wurden. Seiner Frau hatte der Beschuldigte erst Tage später von seiner Tat erzählt.

Das Mädchen lebt seit dem Gewaltausbruch ihres Vaters in einer Pflegefamilie, da auch die Mutter, die der Verhandlung im Gerichtssaal beiwohnte, überfordert war mit dem Schreikind. Die Eltern besuchen ihr Töchterchen regelmässig und die Pflegefamilie attestiert den beiden grosses Engagement. Als der Beschuldigte schildern soll, wie er sich im Rahmen einer dieser Besuche bei seiner Tochter entschuldigt hat, bricht er vor Gericht in Tränen aus. «Ich bin sicher, meine Tochter hat mich verstanden und mir verziehen. Es war ein sehr schöner Moment», sagt er.

Verteidiger fordern Strafbefreiung

Der Pflichtverteidiger des Mädchens teilte dem Gericht in einem Brief mit, dass er auf eine bedingte Strafe für den Beschuldeten plädiere, da es für die Tochter am besten sei, wenn sie ihren Vater weiterhin sehen könne. Zudem bekäme seine ausländische Frau wegen ihrer Aufenthaltsbewil­ligung dann Probleme, in der Schweiz zu bleiben – beides schade vor allem der Tochter. Zudem attestiert auch der als Zeuge geladene Psychiater des Beschuldigten, dass sich dieser in den vergangenen Jahren stark gebessert habe, runter sei von Alkohol und Drogen und heute Konflikte mit Worten lösen könne, während er es früher mit Gewalt tat.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren wegen eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung. «Er nahm die Folgen seines Handelns bewusst in Kauf. Spätestens nach seinem ersten Ausraster hätte er sich Hilfe holen sollen», argumentiert die Staatsanwältin. Der Verteidiger plädierte auf Schuldbefreiung und fahrlässige schwere Körperverletzung. Sein Mandant sei geständig, entwickle sich positiv und sei durch die Behinderung der Tochter genug bestraft.

Das Gericht verurteilte den Mann zu drei Jahren Freiheitsstrafe, zwei davon bedingt. «Sie konnten ihr bisheriges Leben nicht mehr führen, als die Tochter da war. Das Kind hat gestört», konstatiert der vorsitzende Richter. «Sie waren überfordert, konnten es sich aber nicht eingestehen. Und heute wissen alle, das ein Baby zu schütteln sehr, sehr gefährlich ist.» Daher verurteile ihn das Gericht wegen eventualvorsätzlicher und nicht wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung.


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