Fast blind aufs Dach der Welt

HILFSMISSION ⋅ Die ebenso umtriebige wie streitbare Thurgauer SP-Kantonsrätin Barbara Müller hilft im Himalaya, Nepals Trinkwasser zu entgiften. Aufhalten lässt sich die Geochemikerin dabei weder von ihrer Sehbehinderung noch von der IV.
Aktualisiert: 
31.12.2017, 21:00
31. Dezember 2017, 09:00
Roland Schäfli
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Wenn Barbara Müller von ihrer Mission im Himalaya spricht, wird ihre Stimme schneller, als befürchtete sie, in ihrem wichtigen Anliegen unterbrochen zu werden. Denn aufhalten lässt sich die Thurgauer SP-Kantonsrätin nicht. Nicht von der IV, gegen die sie sich vor Bundesgericht das Recht erstritt, als Geochemikerin nach Nepal zu reisen. Nicht von den 8000 Franken, die sie aufbringen muss, um einen Blindenführer anzustellen. Und nicht von ihrer Behinderung: Die 54-Jährige ist fast erblindet. Und doch ist der Flug schon gebucht, im April steigt sie in den Himalaya. Nicht für sich selbst, nicht für Rekorde oder politisches Kalkül. Nein, die Pragmatikerin will schlicht die Ursache für die Erkrankung unzähliger Nepali beseitigen.

Ihr Computer arbeitet mit einer Blindensoftware. Wenn ihre Finger flink über die Tastatur gleiten, erläutert eine Stimme, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Barbara Müller hat die Computerstimme auf «verschnellert» eingestellt. Es geht ihr sonst zu langsam. Sie klickt sich durch die Bilder der letzten Expedition: Da ist sie, in roter Jacke, mit geröteten Wangen, auf Pfaden, die einer Schweizer Gämse Respekt einflössen würden. Entlang eines Abgrundes auf Holzplanken, behelfsmässig in den Fels getrieben. Auf schwankenden Hängebrücken, deren Halteseile von Gesteinslawinen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ein falscher Tritt, und die SP Thurgau hätte eine Kantonsrätin weniger.
 

Das Gift kommt von den Berggipfeln

Barbara Müllers Ziel ist ihr das Risiko wert: Das Arsen beseitigen, das das Trinkwasser in Nepal kontaminiert. Eine grosse Dosis des Gifts bringt einen Menschen umgehend um. Im Wasser macht es einen innert zehn Jahren so krank, dass man elend stirbt. Flecken auf der Handinnenfläche sind erste Anzeichen der chronischen Vergiftung, Geschwüre auf der Haut folgen, bis die Betroffenen keinen Fuss mehr vor den anderen setzen können. Seit 20 Jahren ist bekannt: Das Trinkwasser Nepals enthält dieses Gift. Seither wurde erfolglos versucht, das Wasser zu filtern. In der Schweiz würde man den passenden Filter im Sanitätsgeschäft bekommen. In Nepal besteht der Filter aus Nägeln, deren Rost das Arsen chemisch bindet. Vor sieben Jahren begann eine kanadische Non-Profit-Organisation, vor Ort solche Filter zu installieren. Ähnliche Vorrichtungen funktionieren in Bangladesch. Warum nicht in Nepal? Die Kanadier fragten die Eawag um Rat, das Wasserforschungsinstitut der ETH. Die hochpräzise, chemische Analyse steht in Kanada nicht zur Verfügung. In Nepal erst recht nicht. Darum kontaktierte die ETH 2011 eine Ex-Mitarbeiterin, von der man wusste: Diese Geochemikerin kennt in Nepal jeden Stein. «Selbstverständlich, ich gehe», sagte Barbara Müller leichthin. Und fragte sich: «Wo kommt das verdammte Arsen in Nepal her?» Der Forschungstrieb der eher klein gewachsenen Wissenschafterin war geweckt.

Da stellte sich der Sehbehinderten ein alter Intimfeind in den Weg: die Thurgauer IV. Doch Barbara Müller ist es gewohnt, sich ihr Recht zu erstreiten. Am Ende entschied das Bundesgericht zu ihren Gunsten. Der Prozess verzögerte ihre Mission allerdings um mehrere Jahre. 2015 konnte sie endlich ihre Analyse vor Ort vornehmen. Sie verglich Spurenelemente mit den Filtern von Bangladesch: Das Verhältnis von Eisen zu Arsen ist in Nepal 60-mal tiefer. Menschliches Zutun konnte bald ausgeschlossen werden. Müller fand den geologischen Grund oben in den Berggipfeln. Niemand hat das bisher in Betracht gezogen. Das Arsen ist in mehreren Bodenmineralien gebunden, die im Wasser zirkulieren. Seit Jahrmillionen wird es von den Gebirgsflüssen ins Flachland abtransportiert – wenn die Partikel absinken, löst sich das Arsen heraus. Als die Thurgauerin das Wasser studierte, stiess sie auf ein wichtiges Indiz: Bor, ein leichtes Element. Enthalten im Mineral Turmalin, das gleichzeitig Schmuckstein und Energielieferant ist – und dort oben, im ewigen Eis, zu finden ist.
 

Weil sie ihn kaum sieht, ertastet sie den Weg

Rund 50 Kilogramm Steine wurden damals heruntergetragen und zur aufwendigen Untersuchung an die Unis Bern, Basel und Zürich verfrachtet, «dort arbeiten gute Kollegen von mir». Warum nun eine weitere Expedition? Dieses Mal will Müller eruieren, aus welchem Gebiet das Arsen stammt, auf welchen Fliesswegen es heruntergespült wird. Dann werden die Filter dem Problem angepasst. Sie rechnet damit, das Gift in fünf Jahren neutralisiert zu haben. Den vergleichsweise kleinen Preis einer halben Million Franken wird das kosten, um Unzähligen die Gesundheit zu retten. Betroffen ist das gesamte Flachland Nepals und das Grenzgebiet zu Indien auf einer Länge von Hunderten Kilometern.

In der Regel war Barbara Müller die einzige Frau auf den Expeditionen. Und die einzige Schweizerin. Doch einmal am Berg sind solche Unterschiede egal. Ihr langjähriger Gefährte ist der Sherpa Som Rai, mit dem sie schon 6000er bestiegen hat. Mehr als einmal trug «ihr» Nepali sie über Flüsse, führte sie über tückische Gletscher und stieg am Berg vor­an. Sie ertastet ihren Weg im Fels mehr, als dass sie ihn sehen könnte. 1987, beim ersten Nepal-Trekking, musste sie erstmals eine Verschlechterung ihrer Sehkraft hinnehmen. Der damals 27-Jährigen wurde eine Netzhautdegeneration diagnostiziert, die zur Erblindung führen kann. Seither hat sich ihr Tunnelblick langsam, aber stetig verengt. Dinge oder Gesichter direkt im Blickfeld vermag sie zu erkennen. Doch das Gestein in Nepal ist nicht die Tastatur eines Computers für Blinde. Inzwischen ist die Sehbeeinträchtigung so stark, dass Müller auf einen professionellen Blindenführer angewiesen ist. Sie hat ihn in Samuel Roca ­gefunden, einem Bergführer der Blin­denskischule in Frutigen, ein gebürtiger Peruaner. Betrug das Honorar des Sherpas den üblichen Tagessatz von 2000 Rupien – 20 Franken –, kostet der Schweizer Bergführer einiges mehr. Barbara Müller kommt für die eine Hälfte des Honorars von 8000 Franken für die anstehende Expedition auf. Und weil sie keine halben Sachen macht, will sie gleich auch die 4000 Franken für den Treck von 2019 sammeln. Über eine Crowdfunding-Plattform hat sie bislang rund die Hälfte der Gesamtsumme zusammengebracht. Schon 2012 hat sie aus eigener Kraft Stiftungsgelder zusammengebracht, welche die Finanzierung der Expedition bis Ende 2018 sicherstellen. Nur der Blindenführer war damals nicht budgetiert – Barbara Müller nahm einfach nicht an, dass ihr Augenlicht nochmals schwächer würde.
 

Ein Korsett stützt den Oberkörper

Warum geht sie nun trotzdem das Risiko einer weiteren Expedition ein? Den Einwand diskutiert die SP-Politikerin mit dem Argument weg, dass sie wohl die einzige Geochemikerin mit Erfahrung in der Spurenelementanalytik in der Schweiz ist, die die Verhältnisse in Nepal kennt. Und: Die Person, die die Gesteinsproben aus dem Fels bricht, muss unbedingt dieselbe sein, die diese dann in der Schweiz untersucht. «Ein Sehender benutzt sein visuelles System. Ich arbeite mit anderen Sinnen.» Zum Handicap hinzu kommen die Folgen einer Operation am Oberkörper, mit denen sich wohl auch noch die Gerichte befassen werden. Müller trägt beim Gespräch mit der «Ostschweiz am Sonntag» eine Orthese – ein stabilisierendes Stützkorsett, einem Rucksack nicht unähnlich. Die Gurte eines Rucksacks fühlen sich für sie freilich nicht ungewohnt an, Gewichte schultert sie gerne.

Am 20. April packt Barbara Müller in Ettenhausen zusammen. Am 28. April steigt sie in Nepal in den Berg. Zehn Tage später, nach einem Treck voller Entbehrungen, wird sie auf 5000 Metern die Stelle erreichen, wo die kontaminierten Steine zu finden sind. Aufzuhalten ist diese Frau nicht.

Hinweis

Weitere Informationen zu Barbara Müllers Missionen im Himalaya auf www.barbara-himalaya.ch


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