«Gratis» finden nicht alle gut

Sollen und können Museen auch in der Ostschweiz die Eintrittsgebühren abschaffen? Die Meinungen gehen auseinander.
20. November 2016, 02:35
Sebastian Keller

«Schafft die Eintrittsgelder ab!», «15 Museen verzichten auf Eintrittsgeld»: Diese Schlagzeilen sind in deutschen Medien zu lesen. Die Artikel verweisen auf britische Museen: Für viele Ausstellungen auf der Insel müssen Besucher das Portemonnaie seit 15 Jahren nicht mehr zücken. Die Besucherzahlen stiegen an, die Museen entwickelten sich zu Treffpunkten wie Parks.

David Vuillaume, Geschäftsleiter des Verbands der Museen Schweiz, kennt die Diskussion. Er sagt: «Es ist natürlich schön, wenn sich ein Museum das leisten kann.» Doch hierzulande seien die Institutionen auf die Einnahmen angewiesen – und mit mehr staatlichen Geldern dürfe man nicht rechnen. Die Schweiz habe auch ohne flächendeckenden Gratiseintritt eine funktionierende Museumskultur. Laut Vuillaume besuchen rund 60 Prozent der Bevölkerung regelmässig die fast 1200 Museen zwischen Boden- und Genfersee. 1,7 Millionen Museumspässe sind im Umlauf. Mit diesem Pass, der heuer sein 20-Jahr-Jubiläum feiert, kann man rund 500 Museen unbeschränkt oft besuchen. Über eine halbe Million Menschen erhalten das «Kultur-GA» als Kunde einer Raiffeisenbank gratis.

«Ich fände das eine demokratische Idee»

«Kostenlose ins Museum fände ich eine demokratische Idee», sagt Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen. Es gebe aktuell derartige Überlegungen. In einer ersten Phase soll allenfalls getestet werden, welchen Effekt ein kostenloser Samstag oder Sonntag pro Monat haben könnte. Studer hofft, weitere Museen – etwas das Kunstmuseum und das Naturmuseum – für den Versuch gewinnen zu können. «Sonst funktioniert es nicht.» Der Knackpunkt: Auf das Eintrittsgeld könne das Museum nicht verzichten. «Bei uns macht es rund 20 Prozent des Budgets aus», sagt der Museumsdirektor. Fallen diese weg, müssten rund 100 000 Franken im Jahr aus anderen Quellen fliessen.

Verordnen liesse sich der Gratiseintritt ohnehin nicht: Die Museen werden von Stiftungen oder Vereinen getragen – mit finanzieller Unterstützung durch staatliche Stellen. «Die Hoheit über die Preisgestaltung liegt bei den einzelnen Museen», sagt Kristin Schmidt von der Fachstelle Kultur der Stadt St. Gallen. Entscheidend, ob jemand ein Museum besuche, seien weniger Gratiseintritte, sondern attraktive Ausstellungs- und Vermittlungsangebote. «Dann sind die Leute auch bereit, etwas dafür zu bezahlen.» Sie gibt zu bedenken, dass ein Museumseintritt für Erwachsene mit zwölf Franken günstiger sei als etwa ein Kinobillett, das mit fast 20 Franken zu Buche schlägt.

Eintritt frei bei drei Museen des Kantons Thurgau

Im Thurgau gewähren das Museum für Archäologie, das Naturmuseum und das Historische Museum in Frauenfeld freien Einlass – sie alle sind kantonal. «Wir wollen den Zugang zu Museen niederschwellig halten», sagt Martha Monstein, Leiterin des Kulturamtes. Die Museen würden aber nicht mit Gratiseintritten werben, sondern mit interessanten Ausstellungen. Die weiteren kantonalen Museen – das Kunstmuseum Thurgau, das Ittingermuseum und das Napoleonmuseum auf Schloss Arenenberg – verlangen aber Eintritt.

Gabriele Keck, Direktorin des Historischen Museums Thurgau, bezweifelt die Wirksamkeit des freien Eintritts. «Klar lese ich ab und zu in unserem Gästebuch, dass der Gratiseintritt toll sei. Wir werden deswegen aber nicht überrannt.» Eine Umfrage habe gar gezeigt, dass Besucher bereit wären, Eintritt zu bezahlen. «Zehn Franken für eine erwachsene Person würden die meisten bezahlen», sagt Keck. Sie haben deshalb auch schon angeregt, eine moderate Gebühr einzuführen – allerdings erfolglos.

«Bei uns ist die Abschaffung der Eintritte kein aktuelles oder brisantes Thema», sagt die Ausserrhoder Museumskoordinatorin Isabelle Chappuis. Die Preise seien ohnehin moderat – sieben Franken ist der höchste. Die Preise legen die Museen selber fest. Der Kanton betreibt kein Museum, unterstützt aber einige. «Es sind nicht die Preise, die die Besucherzahlen beeinflussen, sondern Inhalte und das Prestige der Museen», sagt Chappuis. Sie gibt zu bedenken: «Wenn Museen gratis wären, müssten auch andere kulturelle Angebote unentgeltlich werden, was weder finanzierbar noch sinnvoll ist.»


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