Bauern spüren, dass die Schweiz keine Insel ist

Jedes Jahr erhalten die Landwirte weniger Geld für die Milch. Zu einem Preissturz führte die Aufhebung der Euro-Bindung im Januar.
12. April 2015, 02:36
TEXT: INGE STAUB, BILDER: RETO MARTIN

FRAUENFELD. Urs Vetterli verteilt mit der Gabel Heu entlang des Fressgitters. 26 Kühe stehen in seinem Stall. Die Milchwirtschaft ist neben Acker- und Obstbau ein Standbein des Familienbetriebes, der auf einer Hochebene im Westen von Frauenfeld liegt.

Silage gibt es hier nicht. Vetterlis Kühe fressen vor allem Heu oder frisches Gras und Kraftfutter. «Den grössten Teil des Futters produzieren wir selbst», sagt der 40jährige Bauer. Die 26 Kühe geben 200 000 Liter Milch im Jahr. Die Milch liefert der Hof an die Käserei Neuenschwander in Güttingen. Urs Vetterli gehört einer Produzentengemeinschaft an. Als Präsident handelt er mit anderen Vorstandsmitgliedern den Milchpreis mit der Käserei aus. Derzeit erhält er 69 Rappen für den Liter Milch inklusive 3 Rappen Siloverzichtszulage und 15 Rappen für verkäste Milch. Von den 69 Rappen gehen 1,2 Rappen an Beiträgen weg. Netto kommen bei ihm 67,8 Rappen pro Liter in die Kasse.

Silofreie Milch für Hartkäse

Schweizweit gibt es unterschiedliche Preise für Käserei- und für Molkereimilch. Urs Vetterli produziert Käsereimilch. Diese erzielt einen höheren Preis als Molkereimilch. Denn zur Herstellung von Hartkäse eignet sich silofreie Milch am besten. Bei dieser sind die Produktionskosten höher als bei Silomilch.

Zudem wird unterschieden zwischen A-, B- und C-Milch. A-Milch ist für den geschützten Inlandmarkt bestimmt, B-Milch für Milchprodukte ohne Grenzschutz und C-Milch für den Export auf den Weltmarkt. Den höchsten Preis erzielt A-Milch. Doch mit diesem Milch-ABC muss sich Urs Vetterli nicht befassen: «Wir haben in unserer Käserei nur einen Preis.»

Der Landwirt erinnert sich an Zeiten, als der Hof 1,07 Franken für den Liter Milch erhalten hat. «Seit einigen Jahren geht der Preis kontinuierlich runter», bedauert er. «Bei 60 Rappen wird's eng.» Sollte sich der Preis über längere Zeit auf einem so tiefen Niveau bewegen, dann könne er seine Produktionskosten nicht mehr decken. Immerhin muss der Hof eine vierköpfige Familie ernähren.

Zufriedene Kühe

Den sinkenden Preisen versucht Urs Vetterli mit Effizienzsteigerung zu begegnen. So hat er ein neues Heulager erstellt. Das Heu ist dort besser durchlüftet, das erhöht die Qualität des Futters. «Ist das Futter besser, sind die Kühe zufriedener und geben mehr Milch.» Den Bestand erhöhen, um mit der Menge mehr zu verdienen, das möchte Urs Vetterli nicht. «Mit der jetzigen Betriebsgrösse können wir die Arbeit ohne Angestellte bewältigen.»

Sechs Kilometer von der Familie Vetterli entfernt, liegt im Westen von Frauenfeld in einem kleinen Weiler namens Strass der Hof von Fritz Stettler. Während der Landwirt im Esszimmer den Milchpreis ausrechnet, versehen «Heinzelmännchen» die Stallarbeit. Zwei Angestellte, ein Lehrling und die Familie mit den drei Kindern unterstützen den Bauern. Der Stall, in dem sich 111 Kühe frei bewegen, ist auf der Längsseite offen. Ein Mitarbeiter fährt mit einem Futterwagen daran vorbei. Der Wagen wirft automatisch Silage vor das Futtergitter.

1,1 Millionen Liter Molkereimilch geben Stettlers Kühe jährlich. Bislang lieferte er an den Thur Milch Ring. Zum 1. Mai wechselt er zur Molkerei Züger. «Ich bevorzuge einen direkten Milchverarbeiter statt eines Handelsbetriebs», begründet der Landwirt seine Entscheidung. Im Dezember hat er 65 Rappen für den Liter Milch erhalten, im Februar 61,33 Rappen. «Im März werden es wohl nur noch 57 Rappen sein», konstatiert Stettler. – Die Schweizer Konsumenten berappen derzeit zwischen 1,50 und 1,70 Franken für den Liter Vollmilch.

Bei der Thur Milch Ring AG ist der Frauenfelder Landwirt dem Milch-ABC unterworfen. «Unser Preis ist immer eine Mischrechnung aus A- und B-Milch.» Im März sank der Preis für B-Milch auf 50 und 44 Rappen. Zum Vergleich: In Süddeutschland erhalten die Bauern für Molkereimilch 33 Rappen pro Liter.

In den letzten 25 Jahren ist beim Milchpreis eine kontinuierliche Abwärtsbewegung zu beobachten. Die sinkenden Preise sind auf tiefe Weltmarktpreise und eine zunehmende Milchmenge im Inland zurückzuführen. Zu einem regelrechten Preissturz kam es nach der Aufhebung des Mindestkurses für den Euro Mitte Januar. Schweizer Unternehmen, die Milchprodukte exportieren, erhalten seitdem 15 Prozent weniger für ihre Waren. Diesen Verlust geben sie teilweise an ihre Lieferanten weiter. «Wir wünschen uns immer, dass die Schweiz eine Insel bleiben könnte. Doch die Realität sieht anders aus», stellt Fritz Stettler ernüchternd fest.

Gemeinsam einkaufen

Gibt es weniger Geld für die Milch, hat Stettler weniger Einnahmen. Infolgedessen muss er die Ausgaben reduzieren. An den Lohnkosten kann der Bauer nicht drehen. Deshalb versucht er beim Einkauf zu sparen. Mit zwölf anderen Bauern hat er eine Einkaufsgenossenschaft gegründet, um Futter und andere Hilfsstoffe günstiger einkaufen zu können. Er setzt zudem auf Optimierung und auf Tiergesundheit. «Wir achten darauf, dass wir gesunde Tiere haben. Denn gesunde Kühe geben mehr Milch.» Der 54-Jährige, der im Nebenberuf Gemeinderat in Gachnang ist, lässt sich von der unsicheren Marktlage nicht beirren. «Mein Ziel ist, dass wir weiterhin Milchwirtschaft auf hohem Niveau betreiben können.»

Schweiz ist ein Milchland

Doch der Druck auf die Schweizer Milchbauern wird sich weiter erhöhen. Zum 1. April hat die EU die Milchquote abgeschafft. Die EU-Bauern können nun unbeschränkt Milch produzieren. Ein Dilemma für die Schweiz. «Wir sind ein Milchland», sagt Markus Hausammann. Doch wie können die Schweizer Landwirte gegenüber der ausländischen Konkurrenz bestehen? «Die Bauern müssen sich damit arrangieren, dass der Milchmarkt instabil ist», meint Hausammann. Der Nationalrat und Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft mahnt, mit Investitionen vorsichtig zu sein. Er setzt aber darauf, dass Bundesrat und Parlament den noch vorhandenen Grenzschutz belassen, Ausgleichszahlungen fortsetzen und die Rahmenbedingungen für die Bauern verbessern.

Dennoch beurteilt Markus Hausammann die Tatsache, dass die Schweiz zu 110 Prozent mit Milch versorgt ist, kritisch. «Nach Aufhebung der Kontingentierung wird sich die Menge wohl nur noch über den Preis regulieren lassen – ein schmerzhafter Prozess.»


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