Cheibe guet

Das neue Quartett Cheibe Choge stellt die Schweizer Musiktradition auf den Kopf und lässt die Zuhörer entscheiden, wie sie klingen soll. Das ist überraschend und witzig, ehrlich und überdreht. Und zutiefst demokratisch.
06. November 2016, 02:35
Dieter Langhart

Da isch e cheibe choge fägigi Premiere gsi am Friitig z Frauefeld. Mit Musik und mit Kundenorientierung, Flexibilität und Optimierung. Klingt gut. Aber was hat solches mit dem Schlaatemer Schottisch zu tun? Alles, sagen die Cheibe Choge, der neue Stern am Himmel der Schweizer Volksmusik. Das Quartett gibt sich eine Betriebsstruktur, wie dies erfolgreiche Ostschweizer Firmen tun – vom Bass (pardon: Boss) Christian Hartmann bis zur Aushilfskraft Corsin Schwarzer am Schlagzeug, dazwischen Bläser Stefan Christinger und Gitarrist und Sänger Andreas Stern. Und Fabian Alders dramaturgische Beratung gibt ihrem Programm der «optimierten Volksmusik» eine feine Struktur.

Die Hierarchie erkennbar an der Höhe ihrer Notenpulte. Aber die wahren Chefs sind die Zuhörerinnen und Zuhörer in der fast ausverkauften Theaterwerkstatt Gleis 5. Denn die Cheibe Choge geben sich schön helvetisch, demokratisch also. Und lassen sie brav abstimmen, in welchem Stil sie «Ja grüezi wohl, Frau Stirnimaa» hören wollen, den Olma-Hit aus dem Jahre 1969.

Der optimale Song für die Mehrheit

Doch zuerst geben die Zuhörer, schön helvetisch, ihre Personalien an: Geschlecht, Alter und Zivilstand, Heimatort und politische Färbung zwischen links und rechts. Sogar die Länge der Pause dürfen sie bestimmen mit Knopfdruck auf dem Abstimmungsgerät, das ihnen an der Kasse um den Hals gehängt worden ist. Blitzschnell liefert der Computer die statistische Auswertung, Moderator Hartmann projiziert sie an die Leinwand, und schwups kennt er den optimalen Song für die Mehrheit – eben den Minstrels-Hit über die Frau Stirnimaa. Den fetzt das Quartett ins Publikum: spielfreudig, souverän und mit dieser leisen Ironie, die das ganze Programm durchziehen wird. Es heisst «Hundertprozentig!» – nicht nur wegen des statistischen Hintergrunds, sondern weil die vier alles geben, technisch wie stilistisch, und weil sie geschickt improvisieren und das Publikum im frohen Glauben lassen, alles sei spontan und nichts vorgegeben. Schön auch für die vier Musiker: Jede Aufführung wird anders sein, je nach Zusammensetzung des Publikums. Und manch geplantes Stück werden sie gar nicht spielen können.

Tradition sei wichtig für eine Firma, sagt Moderator Christoph Hartmann, und weil die Mehrheit der Hörer aus Ostschweizer Kantonen stammt (zu denen natürlich auch Zürich gehört), blendet die Combo ins Jahr 1890 zurück und spielt den Schlaatemer Schottisch, und der Boss erzählt, warum die Leute aus dem schaffhausischen Schleitheim einmal im Jahr an den Rheinfall eingeladen worden waren, und Schlagzeuger Corsin Schwarzer nimmt die Löffel in die Hand und schlägt den Takt. Jetzt klingen die Cheibe Choge wie eine richtige Volksmusikformation: Perfekt intoniert Stefan Christingers Klarinette die Melodie, dezent begleitet Andreas Stern am Banjo, und in aller Ruhe streicht Christoph Hartmann den Stehbass. Nach einem Ausserrhoder Walzer geht die Combo auf die Zuhörer aus der Nordwestschweiz ein mit der Rüeblifrässer-und-wiissi-Socke-Polka, ehrt den einzigen Ausländer mit einer spritzigen Version von Shantels «Disko Partizani» und schwenkt ins Engadin, um auch den Südschweizer Hörern gerecht zu werden.

Züri West klingen wie die Alderbuebe

«Hundertprozentig!» lebt von den Blöcken mit Volksmusik aus der ganzen Schweiz, abwechslungsreichen Preziosen, von Hartmann arrangiert und optimiert. Das Programm lebt ebenso vom roten Faden, den die Cheibe Choge aus Rock- und Pop-Evergreens knüpfen und fast bis zur Unkenntlichkeit verfremden. Züri Wests «I schänke dr mis Härz» etwa, das klingt, als hätten es die Alderbuebe komponiert. Oder Frau Stirnimaa, die sich das Publikum mehrmals in einem anderen Stil wünschen darf: als Rock'n'Roll oder Latin, Jazz oder Zeitgenössisch. Oder als Schlager! Ha! Da laufen die vier Musiker zur Höchstform auf, und der alte Ohrwurm stampft, als stünde Helene Fischer auf der Bühne. Dann die schwierigste Aufgabe für das Publikum: den Mitarbeiter des Tages zu wählen. Raffiniert, wie der Lieblingsmusiker statistisch bestimmt wird.

So, 13.11., 17 Uhr, Rathaus, Weinfelden. Weitere Termine und Reservationen auf cheibechoge.ch

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