«Ein leichter Aufwärtstrend»

Der frühere Bundesökonom Aymo Brunetti sieht die Schweizer Wirtschaft in guter Verfassung. Thurgauer Experten zeigen sich weniger optimistisch, sehen aber Anzeichen einer Besserung.
10. Juni 2016, 02:40
CHRISTOF LAMPART

FRAUENFELD. Die Schweizer Wirtschaft habe die Konjunktur trotz Frankenstärke ziemlich gut bewältigt und sei seit 2008 kontinuierlich leicht gewachsen. Das sagte am Mittwoch der Berner Wirtschaftsprofessor und frühere Chefökonom des Bundes, Aymo Brunetti, im Casino Frauenfeld. Dorthin hatten das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Thurgau sowie die Tripartite Kommission zur «Prognose-Rundschau 2016» eingeladen. Laut Brunetti jammert die Schweizer Wirtschaft, international verglichen, auf hohem Niveau. Während die Schweiz schon kurz nach Beginn der Finanzkrise 2008 wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht habe, litten viele Euroländer heute noch massiv unter den Folgen. «Exklusive Deutschland befindet sich die Eurozone auf einem viel tieferen Niveau als noch vor sieben Jahren», sagte Brunetti.

«Weniger hart als gedacht»

Zwar setzte die Aufhebung des Euromindestkurses Mitte Januar 2015 auch der hiesigen Exportwirtschaft zu, doch über alles gesehen sei die Schweiz sehr gut aufgestellt. So sei die Arbeitslosenzahl gering, die Beschäftigung hoch. Der Staat machte während der Finanzkrise keine neuen Schulden, das Preisniveau sei stabil. Klar gebe es auch Verlierer, vor allem exportorientierte, margenschwache Branchen, sagte Brunetti. Doch insgesamt «wurde der Export weniger hart von der Aufhebung des Mindestkurses getroffen als gedacht».

«Den Werkplatz geopfert»

Von grosser Wichtigkeit dürfte für die Schweiz die langfristige Normalisierung der Geldpolitik sein. Vorläufig müsse man noch keine Inflation befürchten, aber sollte die Geldmenge in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht merklich zurückgefahren werden, so sei eine Inflation unausweichlich, sagte Brunetti.

In der anschliessenden Gesprächsrunde, moderiert von AWA-Leiter Edgar Sidamgrotzki, zeigten sich auch abweichende Meinungen. Laut Christian Neuweiler, Präsident der Industrie- und Handelskammer Thurgau, wird der Frankenschock «noch tiefere Spuren hinterlassen, als man es sich heute denken kann», denn mit der Aufhebung des Mindestkurses habe «die Nationalbank den Werkplatz Schweiz geopfert». Immerhin sehe man «einen leichten Aufwärtstrend», nachdem das 1. Quartal 2016 «das schlimmste Quartal war».

Hansjörg Brunner, Präsident des Thurgauer Gewerbeverbandes, sieht das ähnlich: «Wir vertreten 40 Branchen. Da gibt es auch solche, die nicht jammern. Aber wir haben auch solche wie den Detailhandel und die Gastronomie, bei denen wir Anzeichen sehen, die nicht schön und gut sind.» Brunner weiss, wieso: «Konsumieren kann man vom Thurgau aus auch ganz schnell ennet der Grenze.» Doch auch Brunner macht «leichte Schritte nach oben aus, nachdem sich der Wechselkurs wieder stabilisiert hat».

Arbeitsplätze haben Priorität

Der neue Thurgauer Volkswirtschaftschef, Regierungsrat Walter Schönholzer, versprach alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit im Kanton Arbeitsplätze erhalten bleiben. «Das ist das Allerwichtigste. Denn ohne Arbeitsplätze gibt es keine Steuereinnahmen, und ohne Steuern können wir unseren Aufgaben als Staat nicht genügend nachkommen, worunter dann die ganze Gesellschaft leidet.»

Nationalrätin Edith Graf-Litscher setzt auf eine «gepflegte Sozialpartnerschaft». Dass die Gewerkschaften wieder aufmüpfiger seien als auch schon, sei kein Widerspruch, sondern gehöre zum Geschäft, denn «man hört nur jene, die laut sind». Dass die Arbeitnehmenden aber nicht nur forderten, sondern auch zu geben bereit seien, hätten sie bewiesen. «Nach dem Fall des Mindestkurses war das Personal an vielen Orten dazu bereit, länger zu arbeiten», sagte Graf-Litscher.


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