E-Recycling soll effizienter werden

WIEDERVERWERTUNG ⋅ Eine defekte Mikrowelle oder ein Stabmixer können heute kostenlos im Handel oder an Sammelstellen zur Entsorgung zurückgegeben werden. Mit neuen Tarifen soll nun Geld gespart werden.
25. Januar 2017, 05:36
Pieter Poldervaart

Pieter Poldervaart

Wer seinen Kühlschrank wild am Waldrand deponiert, macht es sich unnötig kompliziert. Denn jedes Elektrogerät kann heute kostenlos dem Handel zurückgegeben werden – so verlangt es seit 1998 eine landesweite Verordnung. Neben dem Fachhandel bieten auch Hunderte von Gemeinden und privaten Entsorgern diese Dienstleistung an. Möglich ist dieser Service, weil die Entsorger für die Entgegennahme und Ablieferung der elektrischen und elektronischen Haushaltsgeräte von der Stiftung Sens für einen Teil ihrer Umtriebe entschädigt werden. Auch die Rücknahme und das Recycling von Büro- und Unterhaltungselektronik funktioniert nach diesem Prinzip; hier organisiert die Swico das System. Sowohl Swico als auch Sens finanzieren sich aus der sogenannten vorgezogenen Recyclinggebühr (vRG): Diesen Zuschlag erhebt die Branche von der Kundschaft beim Verkauf von Neugeräten.

Doch seit ein paar Jahren gerät das austarierte System zumindest im Bereich der Haushaltselektronik zunehmend in Schräglage. Ein Grund sind Trittbrettfahrer, die sich um die vRG foutieren. Dadurch können sie ihre Ware ohne den Obolus und damit etwas günstiger als die Konkurrenz anbieten. Über 80 Firmen prangen mittlerweile auf der von Sens publizierten «Nichtteilnehmer-Liste», prominente Namen sind etwa der Hornbach Baumarkt und die Otto’s AG.

In verschiedenen Feldern

«Durch dieses Verhalten entgehen der Recyclingbranche bis zu anderthalb Millionen Franken pro Jahr», beklagte sich Heidi Luck anlässlich des Recyclingkongresses für Gemeinden, der gestern in Biel stattfand. Weder Hornbach Baumarkt noch Otto’s AG begründeten auf Anfrage ihr Abseitsstehen vom vRG-System. Die Geschäftsführerin von Sens hat aber noch ein weiteres Problem identifiziert: private Direktimporte aus dem Ausland. Auch diese Geräte werfen keine vRG ab, landen aber früher oder später dennoch im Sens-System. Und schliesslich verlegen sich auch immer mehr Generalunternehmer darauf, Küchen- und andere Haushaltsgeräte aus dem Ausland einzuführen und in Wohnungen zu verbauen. Hier wird ebenfalls die Gebühr für die spätere Entsorgung umgangen. Insgesamt beläuft sich das Manko auf jährlich mehrere Millionen Franken, dies bei einem Jahresbudget der Sens von 35 Mio. Franken.

Weil die vRG ein freiwilliges privatwirtschaftliches Instrument ist, sind die Waffen der Sens gegen solche Fälle stumpf. Statt die schwarzen Schafe zur Kasse zu bitten, verlegt sich die Stiftung daher darauf, die bestehenden Prozesse effizienter zu machen. Dazu gehört insbesondere ein neues Vergütungssystem, das vor allem kleine Sammelstellen betrifft. Denn die Hälfte der schweizweit 600 Abgabeeinrichtungen meldet im Jahresdurchschnitt nur knapp ein Dutzend, meist kleine Abholaufträge; dafür erhalten sie pro Jahr insgesamt eine Vergütung von 5000 Franken. In Zukunft lässt die Sens erst Mengen ab 800 Kilo abholen, die ordentliche Entschädigung erreicht man erst ab 3,2 Tonnen – darunter gibt es einen Abzug von bis zu 15%. Noch höhere Abzüge sind bei der Transportentschädigung möglich. Den kleinen Sammelstellen empfiehlt Heidi Luck, untereinander zu kooperieren, um so auf ein grösseres Volumen zu kommen. Wie weit es gelingt, Annahme und Transport auf Effizienz zu trimmen und die fehlenden Erträge zu kompensieren, wird sich zeigen. Erst nach einer ersten Bilanz wolle man allenfalls eine Erhöhung der vRG prüfen, so Luck. Als letzte Konsequenz könnte der Branche ein obligatorisches System blühen, wie es beispielsweise im Recycling von Batterien und Glas bereits gang und gäbe ist. Überstürzen wolle man diesbezüglich aber nichts, machte Michel Monteil klar. Der Leiter der Abteilung Abfall und Rohstoffe im Bundesamt für Umwelt meinte mit Blick auf die Problemlösung im Sens-Recyclingsystem, es handle sich um einen «sehr komplexen Sachverhalt».

Am kürzeren Hebel sitzen derzeit die Gemeinden und privaten Entsorgungshöfe. Gerade kleinere Kommunen werden sich überlegen müssen, wie sie die Sens-Entschädigung zumindest auf demselben Niveau wie bisher halten können. Ein Ausstieg würde von der betroffenen Bevölkerung kaum goutiert, unterstreicht der Gemeindevertreter Hans Ulrich Schwarzenbach (siehe Kasten).

Ansprüche werden höher

Neben knapper werdenden Ressourcen machen den Sammelstellen auch die steigenden Ansprüche an Qualität und Sicherheit zu schaffen. Beispielsweise können überhitzte Lithium-Akkus einen Brand auslösen. Um Unglücke zu verhindern, darf Elektroschrott heute nicht mehr in einfachen Containern gelagert, sondern muss in Paletten mit Holzrahmen oder in vergleichbaren Gebinden bereitgestellt werden. Immerhin: Die für IT-Abfall zuständige Swico hat ihre Vergütung pro Tonne Elektroschrott inzwischen um 20 Fr. erhöht.


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