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Neue Zürcher Zeitung, 16. April 2011 00:00:00

Röthlin und die schnellen Männer

Im London-Marathon wird auf Weltrekord gelaufen. Der Europameister will im Schatten der Besten brillieren

Die Erwartungen sind hoch am London-Marathon. In der britischen Metropole wird am Sonntag ein Elitefeld losgelassen, das alles bisher Gesehene in den Schatten stellt. Für Viktor Röthlin zählt in erster Linie die Zeit. Und diese soll exzellent werden.

Remo Geisser, London

Dave Bedford hielt einst den Weltrekord über 10 000 m. Heute ist er Renndirektor des London-Marathons, und der Begriff «Rekord» hat für ihn immer noch besondere Bedeutung. Jahr für Jahr versucht er, die Besten der Besten an den Start zu bringen, um sie hinter Pacemakern in Weltrekordtempo über den Asphalt jagen zu lassen. So gehört es fast zum Ritual, dass der äthiopische Vorjahressieger Tsegaye Kebede sagt: «Ich habe den Rekord in den Beinen.» Neben ihm sitzt der Europameister Viktor Röthlin, und die britischen Journalisten fragen: «And you, Viktor?» Am nächsten Tag wird dann ein Europarekord angekündigt.

Mindestens unter 2:10

Ganz so hat der Schweizer das nicht gesagt. Aber er geht das Rennen durchaus mit Selbstvertrauen an. Die Zeit von London solle eine seiner drei besten darstellen, sagt er. Das bedeutet, dass er im schlechtesten Fall unter 2:10 laufen will – und im besten schneller als sein Landesrekord von 2:07:23. Das sind ambitionierte Ziele für einen, der nach Lungenembolien und Intensivstation quasi neu anfangen musste und danach in 2:15:31 Europameister wurde, in New York aber aufgab. Das Training stimmt ihn zuversichtlich, Röthlins Hochrechnungen deuten auf 2:08. «Dass mir noch einmal so etwas passiert wie in New York, glaube ich nicht.» Noch eine Aufgabe – das wäre der Worst Case.

Röthlin will das Rennen offensiv angehen, hinter einem Pacemaker, den er von den Trainings in Kenya kennt. Dabei erstaunt, dass der Tempomacher die Halbmarathon-Marke nur 45 Sekunden über der Endzeit des Schweizers vor drei Wochen in Mailand passieren soll. Aber Röthlin hat eine besondere Begabung: Kein anderer Spitzenläufer kommt im Marathon so nahe an seine Halbmarathon-Bestzeit heran wie er. Schaut man sich die zehn schnellsten Läufer der Geschichte an, so entspricht deren Marathonzeit ungefähr 210 bis 212 Prozent der Bestleistung auf der halben Strecke. Bei Röthlin beträgt dieser Wert tiefe 205 Prozent. Interessanterweise befindet er sich damit im Bereich der besten Frauen, für die erfahrungsgemäss gilt: je länger die Strecke, desto besser schneiden sie im Vergleich mit Männern ab.

Ein Psycho-Game

Röthlin hat sich auch schon mit seinen Zeiten auf Unterdistanzen befasst. Er führt das Missverhältnis darauf zurück, dass er ein reiner Marathonläufer ist und andere Rennen ohne spezielle Vorbereitung bestreitet, zum Teil in Wochen, in denen er 180 Trainingskilometer abspult. Hinzu kommt, dass der Obwaldner mental unglaublich stark ist und es deshalb versteht, auf der zweiten Streckenhälfte jeweils Ränge gutzumachen. Dort ist der Unterschied zur absoluten Spitzenklasse nur noch minim. Röthlin sagt, es gehe darum, keinen einzigen negativen Gedanken zuzulassen. «Solche kommen immer wieder, doch ich blocke sie sofort ab. Marathonlaufen ist ein Psycho-Game.» Wenn der Kopf einmal schwach wird, passiert das, was der Europameister letzten November in New York erlebte. Der Wille bricht ein, die Füsse bleiben stehen.

In London könnte Röthlin auch von der Renngestaltung profitieren. In New York wurde rein taktisch gelaufen, hier geht es nach dem Gusto von Renndirektor Bedford. Das bedeutet: Vor dem Schweizer wird ein Schnellzug im Weltrekordtempo dahinrauschen. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass sich der eine oder andere übernehmen und auf dem letzten Drittel einbrechen wird. Und nichts ist im Marathon besser für den Kopf, als zu spüren, wie die eigenen Beine wirbeln, während die Gegner weiter vorne zu torkeln beginnen.





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