«Die Männer müssen sich hinterfragen»

GESCHLECHTERFRAGEN ⋅ Kümmert sich der Mann künftig stärker um die Kinder? Oder setzt sich ein Männlichkeitsbild à la Putin durch? Männerexperte Markus Theunert gibt Antworten – und erklärt den Nutzen eines Vaterschaftsurlaubs.
Aktualisiert: 
31.12.2017, 20:00
31. Dezember 2017, 05:17
Interview: Kari Kälin
Was finden Sie anstrengender, Herr Theunert: einen Tag im Büro oder einen Tag daheim mit Kindern?
Ganz klar: einen Tag mit meiner viereinhalbjährigen Tochter.

Weshalb?
Im Büro bin ich quasi in Stammlanden unterwegs, bei der Kinderbetreuung als Mann auf fremdem Terrain. Die heutige Vätergeneration muss Neuland erobern, das braucht Kraft. Männer müssen ein Selbstverständnis entwickeln für einen eigenen Erziehungsstil und sich von der Losung «die Frauen wissen es besser» emanzipieren. Doch in unserer Gesellschaft hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Mütter kraft der Natur besser befähigt sind zur Elternschaft als Väter.

Was braucht bei der Betreuung am meisten Energie? Man ist permanent in Interaktion mit dem Kind, wird immer beansprucht, kann kaum eine Minute autonom gestalten. Und ich frage mich immer: Erziehe ich richtig? Setze ich passende Grenzen? Lasse ich mich jetzt um den Finger wickeln, oder ist es grad wichtig, nachzugeben? Gleichzeitig möchte ich die Erziehung nicht zu kopflastig angehen, sondern mich auch von der Intuition leiten lassen.

In der Schweiz betreuen die Frauen die Kinder wöchentlich im Durchschnitt während 20,5 Stunden, die Männer nur 13. Weshalb dieser Unterschied?
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sabotieren das männliche Betreuungsengagement. In der Schweiz gibt es keinen Vaterschaftsurlaub, in den Unternehmen herrscht weitgehend noch eine Kultur, welche stetige Verfügbarkeit verlangt. Natürlich müssen sich auch die Männer selber hinterfragen. Viele behaupten, vielleicht weil es gut tönt, sie würden gerne mehr Betreuungsarbeit leisten, tun es dann aber doch nicht, weil sie dafür keine Lust haben.

Ist die ungleiche Verteilung zwischen Mann und Frau bei der Betreuungsarbeit überhaupt ein gesellschaftliches Problem?
Klar! Dass nicht der sorgende, sondern der ausbeuterische Mann die Norm ist, betrachte ich als das gesellschaftliche Problem überhaupt, die Wurzel der Selbstzerstörungstendenz. Wir verbrauchen mehr Ressourcen, als die Natur zur Verfügung stellt, wir arbeiten mehr, als gesund ist. Sorgsamkeit ist heute keine männliche Tugend. Wer als Mann umsichtig agiert, riskiert von seinen Geschlechtsgenossen als «weiblich» verunglimpft zu werden.

Und daran ist die mangelhafte väterliche Präsenz zu Hause schuld?
Wir lebten in einer friedlicheren Welt, wenn Männer sich mehr um sich und andere kümmerten als um Konkurrenz und Karriere, ja. Bei der Betreuung von Kindern erwirbt man ein Portfolio an Kompetenzen, zum Beispiel kommunikative und emotionale Ausdrucksformen, ein Gespür für die Bedürfnisse von anderen. Diese Kompetenzen müssen auch für Männer selbstverständlich werden, wenn wir die Welt nicht an die Wand ­fahren wollen.

Sind Sie ein Pessimist?
Ich will nicht superapokalyptisch sein. Aber wir stehen an einer Zeitenwende. Das Männlichkeitsbild à la Putin, Trump oder Erdogan steht im Widerstreit zu neuen, subtileren Männlichkeitsmodellen, in denen man einen sorgsamen Umgang mit Macht pflegt, in denen man mit Minderheiten und abweichenden Meinungen respektvoll umgeht. Dieser Streit ist ergebnisoffen und entscheidet sich in den nächsten Jahren – auch in der Schweiz.

In Umfragen sagen die meisten Männer, sie würden gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wieso tun sie es in der Praxis nicht?
Bis zum ersten Kind verlaufen die männlichen und weiblichen Bildungs- und Berufskarrieren mehr oder weniger parallel. Bei der Familiengründung schnappt die Traditionsfalle zu. Die Männer erhöhen ihr Erwerbspensum, die Frauen reduzieren es. Der alte Ernährerimpuls bricht durch. Männer denken, dass sie gerade bei der Geburt eines Kindes nicht ihren Status im Unternehmen gefährden dürfen, um die Familie wirtschaftlich abzusichern. Frauen haben keine Chance, den Karriererückstand, in den sie nach der Geburt von Kindern geraten, aufzuholen.

Wieso schnappt die Traditionsfalle zu?
Es gibt nicht einen Schuldigen, sondern eine Kombination aus vielen Faktoren. Eine Rolle spielt der Unwille von Männern, sich zu behaupten im Feld der Kinderbetreuung, in dem sie sich nicht kompetent fühlen. Es gibt aber auch Mütter, die nicht gewillt sind, die Definitionsmacht über die Erziehungsarbeit zu teilen. Dazu kommt die Wirtschaft, die Flexibilität als Selbstverständlichkeit predigt, damit primär die Verfügbarkeit der Arbeitnehmer und nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie meint. Und es hapert bei den politischen Rahmenbedingungen.

Das heisst?
Unsere Verfassung ist an sich progressiv und verpflichtet den Staat, aktiv für die tatsächliche Gleichstellung in allen Lebensbereichen zu sorgen. Die Politik sabotiert aber in diesem Punkt die Verfassung. Sie setzt konsequent Anreize, welche die traditionelle Arbeitsteilung fördert. Die Steuerprogression frisst den Zusatzverdienst der Frauen oft weg. Die Fremdbetreuung für Kinder kostet viel zu viel. Im internationalen Vergleich schlicht peinlich ist das Fehlen eines ­Vaterschaftsurlaubs. Dabei ist dieser gleichstellungspolitisch der entscheidende Faktor, um eine gleiche Verteilung der Kinderbetreuung zu fördern. Für diese politischen Fehlsteuerungen ist ein Parlament verantwortlich, in dem die älteren Männer dominieren.

Das Volk wird über eine Initiative vier Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub bald abstimmen. Reichen 20 Tage aus, damit sich die Männer nachhaltig stärker um die Kinder kümmern?
Ja. Die internationale Erfahrung zeigt, dass ein kurzer Vaterschaftsurlaub genügt, um die Beteiligung der Männer an der Betreuungsarbeit zu steigern, vor allem, wenn sie ihn unmittelbar nach der Geburt beziehen.

Wieso ist der Zeitpunkt wichtig?
Frauen schütten rund um die Geburt das Fürsorge- und Bindungshormon Prolaktin automatisch aus. Es sorgt sozusagen dafür, dass man sich ins Baby «verliebt». Bei Männern passiert das nur, wenn sie schnell nach der Geburt einen engen Bezug zum Kind aufbauen. Ein unmittelbar nach der Geburt bezogener Vaterschaftsurlaub löst also einen biologischen Mechanismus aus, der die Bindung zum Kind stärkt. Untersuchungen zeigen zum Beispiel, dass Väter mit einem Vaterschaftsurlaub in der Nacht gleich häufig aufstehen wie die Mütter – und das noch ein Jahr nach dem Vaterschaftsurlaub. Väter ohne Vaterschaftsurlaub hören es hingegen nicht einmal, wenn das Kind weint.

Wer sich langfristig bei der Betreuungsarbeit engagieren will, muss sein Arbeitspensum reduzieren. 20 Tage helfen doch da nicht weiter.
Da muss ich widersprechen. Man kann auch mit einem Vollzeitpensum ein sehr engagierter Vater sein. Der entscheidende Punkt ist, ob man allein Zeit mit den Kindern verbringt und sich somit gleichwertige Betreuungskompetenzen aneignet. Aber natürlich ist bei einem Vollzeitpensum in der intensiven Kleinkindphase schwierig, einen alltagsnahen Bezug zum Kind aufzubauen. Eine Intervention wie ein Vaterschaftsurlaub fördert aber den Wunsch nach mehr Betreuung. Viele Männer fassen deswegen vielleicht den Mut, ihr Pensum zu reduzieren, weil ihnen die Beziehung zum Kind wichtiger ist als das zweite Auto.

Sie sind verantwortlich für das nationale Programm MenCare, das die väterliche Betreuungsarbeit stärken soll. Das Programm läuft bis 2027. Sind bis dann Väter auf den Spielplätzen nicht mehr in der Minderheit?
Vermutlich immer noch. Aber sie werden immerhin keine Exoten mehr sein. Das sind sie heute – je nach Region und Wochentag.

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