«Das ist ein Schutzmechanismus»

AUFARBEITUNG ⋅ Der Bund hat alle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen kürzlich dazu aufgerufen, Gesuche um Solidaritätsbeiträge einzureichen. Psychologe Damian Miller erklärt, welche Gründe es geben kann, dass Opfer diesen Schritt nicht machen.
27. Juli 2017, 07:30
Interview: Maja Briner

Damian Miller, beim Bund haben sich bisher weniger Opfer gemeldet als erwartet. Überrascht Sie das?

Nicht ganz. Es liegt wohl auch am Begriff «Opfer». Wer sagt schon öffentlich: «Ich bin Opfer»? Das ist ein sprachliches Problem. Dass sich viele Betroffene bisher nicht gemeldet haben, hat sicher auch damit zu tun, dass sie ihr Leben inzwischen in die Hand genommen und sich aufgerappelt haben. Sich dann wieder zurück- zuerinnern ist schwierig. Zumal bei vielen das Umfeld von nichts weiss.

Warum wollen manche ­Betroffenen vergessen?

Das ist ein Schutzmechanismus: Wenn man ein Trauma erlebt, schweigt man eher. Gerade jene, denen in jungen Jahren ihr soziales Umfeld entzogen wurde, hatten oft niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnten. Und Reden ist entscheidend. Das habe ich bei der Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule gesehen: Die Betroffenen haben die Tragweite der Vorfälle erst durchs Reden erkannt.

Manche Betroffenen befürchten vielleicht auch, dass ihnen die Behörden nicht glauben.

Das wird ein wesentlicher Teil sein. In ihrer Kindheit und Jugend wurde den Betroffenen gesagt, sie seien moralisch minderwertig. Und wer glaubt schon liederlichen und unmoralischen Menschen?

Inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden. Auch der Delegierte des Bundes hat betont: Die Opfer seien nie schuld. Kommt das bei den Betroffenen an?

Das stimmt natürlich, dass die Betroffenen nicht schuld sind. Doch jahre- oder jahrzehntelang wurden sie von Behörden und Kirchen als moralisch defizitär bezeichnet, als «liederlich» beispielsweise. Daraus ergibt sich: Du bist selber schuld. Wenn jemand ein behindertes Kind hatte, hiess es früher, das sei eine Strafe Gottes. Das ist noch nicht so lange her. Dieses Stigma bringt man so rasch nicht weg.

Die Behörden rufen alle Betroffenen dazu auf, sich zu melden. Kann das auch ­kontraproduktiv sein?

Das dürfte sehr individuell sein. Wenn jemand schlechte Erfahrungen mit den Behörden gemacht hat, bringt man das nicht von einem Tag auf den anderen weg. Das sind Gewöhnungseffekte und Erfahrungen, die ein Mensch in sein Handeln und Tun umsetzt. Grundsätzlich finde ich es aber richtig, dass die Behörden dazu aufrufen, sich zu melden. Man sollte kein erfolgversprechendes Mittel unversucht lassen.

Die Betroffenen, die sich melden, erhalten vom Bund Geld und einen Brief, in dem sie als Opfer anerkannt ­werden. Was bringt das?

Einerseits ist es wichtig, weil die Betroffenen jahre- und jahrzehntelang als moralisch minderwertig und gesellschaftlich nichtig betrachtet wurden. Es gibt verschiedene Dokumente, in denen das so festgehalten wurde. Deshalb ist es wichtig, ein amtliches Dokument zu haben, das zeigt: Das, was mir angetan wurde, war nicht richtig.

Und welche Rolle spielt dann das Geld?

Man darf nicht vergessen: Bei den Betroffenen wurden teils Sparbüchlein eingezogen, Ar­beitsleistungen wurden nicht entschädigt. Und in unserer ­Ge­sellschaft ist Geld nun mal ein Wert, über den man nicht hinwegsehen kann. Zudem hilft der Betrag all jenen, die in prekären Verhältnissen leben.

Die Aufarbeitung komme spät, wird oft kritisiert. Zu Recht?

Natürlich kommt die Aufarbeitung für all jene, die es betrifft, sehr spät. Aus historischer Sicht muss man – leider – sagen: Die Aufarbeitung braucht Zeit, weil sich die Gesellschaft mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen muss. Ein Teil der Akteure lebt noch. Sie müssen erkennen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Bei Anna Göldi dauerte es Jahrhunderte, bis sie rehabilitiert wurde.

Das Leid der Opfer wird von manchen relativiert: Auch sie seien streng erzogen worden, das sei damals normal gewesen. Was sagen Sie dazu?

Ein wichtiger Unterschied ist, dass die administrativ Versorgten Knall auf Fall ihr ganzes soziales Umfeld verloren. Auch wenn jemand eine harte Kindheit hatte, hatte er meist irgendjemanden, über den er im Nachhinein sagt: Der war gut zu mir. Bei Verdingkindern war das oft nicht der Fall. Natürlich gab es auch Kinder, die in gute Familien kamen. Die negativen Erfahrungen dürften aber überwiegen.

Warum wehrte sich die Gesellschaft nicht stärker gegen das Unrecht, als es geschah?

Wenn sich ein rechtschaffener Mann – und damals waren es bei den Behörden vor allem Männer – für eine Frau einsetzt, die als Luder verunglimpft wird, kommt er selbst in Verruf. Auch sein ­Umfeld leidet darunter. Sich für ­jemanden einzusetzen, der eine «Strafe Gottes absitzt», ist doppelt schwierig: Man will Gott ja nicht ins Handwerk pfuschen.

Kann man aus dem dunklen Kapitel eine Lehre ziehen?

Das ist immer die Hoffnung. Man kann davon ausgehen, dass dasselbe Phänomen in der gleichen Art und Weise nicht mehr auf­tauchen wird, zumindest unter ­demokratischen Verhältnissen. Wichtig ist, dass man die Augen offen hält und sich wehrt. Es bedingt auch eine gewisse Zivilcourage, dass man die Möglichkeiten, die der Rechtsstaat bietet, ausschöpft und nicht die Augen zumacht. Letzteres ist natürlich komfortabler.

Zur Person

Damian Miller (55) hat an der Uni­versität Zürich Psychologie und ­Pädagogik studiert und ist heute ­Professor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er beteiligte sich an der Aufarbeitung der Fälle von sexuellen Übergriffen an der Odenwaldschule im deutschen Bundesland Hessen und betreut an der Hochschule Arbeiten zum Thema Verdingkinder.


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