Kopf des Tages

Der Unbeugsame

02. November 2012, 08:28

Natürlich war der letzte Samstag ein Freudentag – jener Tag, an dem sich die SVP-Delegierten mit überwältigendem Mehr gegen das revidierte Tierseuchengesetz aussprachen.

Urs Hans, 60jährig, verheiratet, vier erwachsene Kinder, ist Landwirt in Neubrunn, Gemeindegebiet Turbenthal, Kanton Zürich. Er sitzt für die Grünen im Zürcher Kantonsrat und kämpft an vorderster Front gegen dieses Tierseuchengesetz.

Den Hinweis, dass die SVP-Delegierten mit ihrem Nein zum Gesetz den obersten Schweizer, Nationalratspräsident und ehemaliger Bauernverbandspräsident Hansjörg Walter, desavouierten, quittiert Hans mit einem Schmunzeln: «Das kommt davon, wenn man nur die Argumente des Bundesamtes für Veterinärwesen nachbetet.»

Würde Urs Hans nicht passieren. So funktioniert er nicht. Stattdessen informiert er sich lieber selber, und zwar gründlich. Dann folgt der Entscheid, und an dem hält er fest – auch wenn es einmal Gegenwind gibt.

Der erste Biobauer

So ist Hans schon vorgegangen, als er vor Jahren seinen Hof auf Bio umstellte und damit in der Gegend der erste war. Er sei für eine produzierende und nachhaltige Landwirtschaft, sagt er. Und er kämpfe für die Wiederaufwertung des Images der Bauern.

Werden denn die Bauern nicht bereits jetzt schon von allen geliebt? Wiederaufwertung in dem Sinne, dass der Landwirt wieder Eigenverantwortung trage – und nicht dauernd von Experten gesagt bekomme, was er zu tun habe, präzisiert Hans. Womit wir beim Tierseuchengesetz sind, gegen das Hans zurzeit mit Vehemenz kämpft. Auch hier geht es ihm um die Eigenverantwortung. Urs Hans ist Impfgegner. Zwar hat er nichts dagegen, wenn Landwirte ihre Tiere impfen, aber er möchte dies für seine Tiere nicht. Deshalb ist er gegen den Impfzwang. Hans begründet es mit der Routine desjenigen, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Er kennt die Literatur, kann aus dem Stegreif kanadische und schwedische Studien zitieren. Und er vergisst auch nicht zu sagen, dass der Konsument schliesslich Fleisch ohne Impfrückstände essen wolle.

Impfzwang? Beim Impfen ändert mit der Gesetzesrevision doch nichts. «Doch», sagt Hans. Der Aufbau von Impfstoff-Banken erhöhe den Impfdruck. Noch ein Bub war Urs Hans, als beim Nachbarn die Maul- und Klauenseuche auftrat – «für Landwirte wohl die schlimmste Seuche, die es gibt». Was hat man getan? «Man hat den betroffenen Hof isoliert, Tiere ausgemerzt.» Das sei zwar nichts Schönes, es tue jedem Bauern im Herzen weh. Aber im Ergebnis sei das gut gekommen: Kein anderer Bauer im Dorf und der Umgebung hatte danach die Seuche im Stall. In diesem Sinne hätte man seiner Überzeugung nach auch bei der Blauzungenkrankheit verfahren können. Tat man aber nicht; man impfte flächendeckend. Urs Hans impfte nicht. Er hatte deswegen die Polizei auf dem Hof, hatte Gerichtsverfahren am Hals. Noch ist nicht alles ausgestanden, aber da muss er durch.

Rückhalt im Bauernstand

Urs Hans ist überzeugt, dass er nicht nur für sich kämpft. «Ich habe grossen Rückhalt im Bauernstand, das weiss ich.» Nur seien halt nicht alle bereit zu kämpfen: «Die Repression ist gross.»

Dagegen geht Urs Hans an. Er will, dass in der Landwirtschaft und ganz besonders bei der landwirtschaftlichen Tierhaltung nicht mehr nur Experten das Sagen haben, dass auch «die Praktiker, die Bauern» mitreden können. Und deshalb ist er gegen das revidierte Tierseuchengesetz.

Im Hinblick auf die Abstimmung ist er Optimist – jetzt erst recht.

Richard Clavadetscher


Leserkommentare

Anzeige: