Und sie sticht doch

STECHFLIEGE ⋅ Der Wadenstecher sieht harmlos aus wie eine Stubenfliege, sticht dem Menschen aber seinem Namen entsprechend am liebsten in die Wade. Wenn es warm und feucht ist, vermehrt sich die Stechfliege rasant.
26. August 2017, 05:19
Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

Stechfliegen gibt es nicht, so hiess die kühne Behauptung. Mücken stechen, nicht Fliegen. So sitzt man ganz entspannt auf dem Sofa und lässt die Fliege Platz nehmen auf der Wade – und zack, ein kurzer, aber doch recht heftiger Schmerz zuckt durch den Körper. Wadenstecher heisst dieses Insekt, das harmlos wie eine Stubenfliege aussieht, aber uns doch pisacken kann. Im Gegensatz zur Stubenfliege besitzt der sechs bis sieben Millimeter lange Stomoxys calcitrans aber einen zugespitzten Stechrüssel, der nach vorne gerichtet ist und deutlich über den Kopf hinausragt.

Genau jetzt also im Spätsommer und Herbst trifft man den Wadenstecher am häufigsten an. Das ist einer der vielen Gründe, warum gerade jetzt viele Menschen über die Stechfliegen jammern. «Es sind mehr solcher stechender Tiere vorhanden, weil beim Wadenstecher beide Geschlechter Blut saugen», sagt der Biologe Stefan Liersch, der bei der Firma Insect Respect arbeitet. «Bei anderen solcher Dipterenarten saugen nur die Weibchen Blut, da diese das Blut für die Entwicklung der Eier benötigen.» Das ist bei den Bremsen und den Stechmücken so.

Zudem begünstigen hohe Temperaturen zwischen 22 und 30 Grad Celsius und die hohe Luftfeuchtigkeit die Entwicklung, was je nach Witterung mehr als zehn Generationen pro Sommer möglich macht. Ist es wie heute 30 Grad warm, reichen zwei Wochen für das Entstehen einer neuen Generation von Wadenstechern.

Rückzug in die Häuser

Ist es zwischendurch mal kälter, so wie vergangene Woche, mag es die Stomoxys calcitrans lieber etwas behaglicher und zieht sich in die Häuser zurück – und sticht dort deren menschliche Bewohner. «Viele Menschen nehmen diese Fliegenart dann erst zur Kenntnis», sagt Liersch. Ansonsten halten sich die wärmeliebenden Insekten gerne in Ställen und Schuppen auf. Deswegen kommen sie auch häufiger auf dem Land vor als in der Stadt. Am meisten Blut saugen die Wadenstecher dementsprechend vom Stallvieh. «Fehlen entsprechende Blutspender oder sind diese nicht mehr da, weil sie auf entfernteren Weiden grasen, so wechselt Stomoxys calcitrans auf andere Säugetiere wie Pferde und Schweine. Bevorzugt in einem Umkreis von 100 bis 800 Metern», sagt der Biologe von Insect Respect. «Die Tiere können jedoch auch bis zu zwei Kilometer gezielt Ställe, weidendes Vieh oder eben auch den Menschen anfliegen.»

Hat das Weibchen genügend Blut aufgenommen, legt es seine Eier ab. «Bevorzugt in Kot, der einen hohen Anteil an pflanzlichen Materialien aufweist oder in pflanzliches Material, das mit Urin und Kot durchsetzt ist», erklärt Liersch. Also auf Misthaufen und faulendem Heu, welche die Wadenstecher bei Laufställen häufig vorfinden.

Hitze fördert den Nachwuchs

Ein Weibchen legt bis zu 800 Eier in den Kot. Dort entwickeln sich dann die Larven, deren Entwicklung stark von der Temperatur abhängt. Bei 19 Grad dauert diese etwa vier Wochen, bei 30 Grad wie gesagt nur die Hälfte. Die Fliege überwintert entweder im Larvenstadium oder als Puppe. Stomoxys calcitrans fliegt von Juni bis Oktober, also auch während der Sommerferien, wo sich vergleichsweise mehr Menschen im Freien aufhalten. «Aufgrund der langsameren Jahresentwicklung liegt der Populationshöhepunkt damit auch später im Jahr als bei anderen Fliegen», sagt Liersch. Wie der Mensch mag es der Wadenstecher warm und sonnig und sticht diesen am liebsten in die Beine. Dem Menschen bleibt ein kleiner roter Fleck, das Nutzvieh wird vom Wadenstecher dauernd in Unruhe versetzt, was zu einem verringerten Milch- und Fleischertrag führen kann.

Da der Wadenstecher sich im Kot wohlfühlt, kann diese Stechfliege auch ein Überträger von Krankheitserregern sein, sowohl beim Tier als auch beim Menschen. In der Küche wird Stomoxys calcitrans somit nicht gern gesehen, weil er die Nahrung mit Bakterien infizieren kann.


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