Gutes Handy, böses Handy

NEUE MEDIEN ⋅ Schon kleine Kinder sind von Smartphones fasziniert. Teenager hängen pausenlos am Handy. Eltern stehen ratlos daneben: Wie streng oder wie gelassen sollten sie sein?
22. September 2017, 21:45
Katja Fischer De Santi
Erwachsene schauen laut einer deutschen Studie bis zu 88 Mal pro Tag auf ihr Handy. Alle zehn Minuten ungefähr. Aber wehe ein Kleinkind wird mit einem dieser kleinen, blinkenden Geräten ­gesichtet. Sofort wird der Ton scharf, die Diskussion unter Eltern gehässig. Die einen sind für ein striktes Verbot der Teufelsgeräte, welche den Nachwuchs verderben. Die anderen bewundern, wie ihre kleinen «Digital Natives» sich gekonnt von einem Level ins nächste wischen. So richtig scheint niemand zu wissen, wie man das nun machen soll mit dem Handy und dem Kinde.


Besorgnis erregende Studienresultate

Die Wissenschaft springt da gerne in die Bresche und publiziert im Halbjahrestakt neue Studien zum Thema. Die Ergebnisse sind jeweils Besorgnis erregend bis alarmierend. Eine diesen Sommer veröffentlichte Medien-Studie (Blikk) der Drogenbeauftragten der Bundesregierung geht vom Schlimmsten aus. Kinder würden durch die digitalen Begleiter hyperaktiv und dick, hiess es da.

Ausserdem war das Forscherteam zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sprachentwicklung leide, ebenso wie die Konzentrationsfähigkeit der Kinder. Solche Risiken sind sicherlich real. Doch diesen Studien ­haken an zwei Grundproblemen. Erstens: Die Technik ist noch zu neu, es gibt keine Langzeitbeobachtungen. Zweitens: Die Frage nach Ursache und Wirkung bleibt meist ungeklärt. Smartphones machen dick, heisst es gerne. Könnte es aber nicht auch sein, dass dicke Kinder sich lieber in digitale Welten zurückziehen?

Der Medienpsychologe Gregor Waller plädiert schon länger für mehr Gelassenheit beim Thema Kinder und neue Medien. «Unsere Heranwachsenden können in den allermeisten Fällen kompetent mit den neuen Medien umgehen.» Seit 2010 erforscht Waller und sein Team an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Rahmen der James-Studie die Mediennutzung von Jugendlichen in der Schweiz. «Nur ein einstelliger Prozentbereich der Schweizer Jugendlichen hat einen problematischen Umgang mit elektronischen Medien.»

­Alles gar kein Problem also? «Doch», insistiert Waller. Die Dosis, das heisst die Nutzungsdauer, mache das Gift. Zudem könnten Kinder auf extreme Inhalte stossen, etwa auf Gewaltdarstellungen. Das Zauberwort hierfür heisse: Begleitung. «Keine Mutter würde ihr Kind unvorbereitet allein auf den Schulweg schicken.» Auch im Umgang mit den neuen Medien müssen wir unsere Kinder an die Hand nehmen und sie erst allmählich alleine loslaufen lassen», erklärt Waller. Es geht darum, dass Kinder sicher im Netz unterwegs sind, denn im Netz sind sie mit Sicherheit. Waller findet, dass Smartphones zu Unrecht einen schlechten Ruf hätten. «Wenn Eltern mich anrufen und sich beklagen, dass ihr Kind jetzt in der Schule mit einem iPad arbeite, verstehe ich diese Sorgen nicht wirklich.» Es komme auf die Inhalte und nicht auf das Trägermedium an. Die Abwehrhaltung vieler Eltern sei nicht zeitgemäss.

Einer, der weiss, wo Eltern in Sachen Mediennutzung der Schuh drückt, ist Michael In Albon, Leiter Jugendmedienschutz bei der Swisscom. Es fehle den Eltern an eigener Erfahrung. «Wenn ein Fünfjähriger auf einen Baum klettert, geht die Mutter zu ihm und hilft ihm wieder runter. Sie weiss, dass ihm nichts Schlimmes passieren kann.» Im Netz ist das anders. Die Eltern seien unsicher, würden teils überreagieren. In den Medienkursen, welche In Albon durchführt, hatte er schon Eltern, die den Router von zu Hause mit zur Arbeit nehmen, damit der Nachwuchs nicht ins Internet kommt. Andere observieren mit teuren Programmen den Browserverlauf ihrer Kinder. Für den Medienexperten ist es auch nicht sinnvoll, seinen Kindern bis zu einem gewissen Alter das Spielen auf dem Smartphone rigoros zu verbieten. «Wenn Eltern ihrem Kind zutrauen, dass es das Gerät nicht ungefragt benutzt und es mit einem Kinderschutzfilter gesichert ist, ist dem nichts entgegenzuhalten.»
 

Entscheidend ist der Inhalt, nicht das Medium

Eveline Hipeli, Medienpäda­gogin an der Pädagogischen Hochschule Zürich und selbst Mutter von drei Kindern, sieht das etwas anders: «Zweijährige Kinder brauchen ganz bestimmt kein eigenes iPad.» Wenn Kleinkinder auf Apps herumdrücken, die sie kognitiv gar nicht verarbeiten könnten, sei das nicht förderlich, sagt die Autorin des Buches «Medien-Kids». «Spielt ein dreijähriges Kind hingegen 15 Minuten ein kindgerechtes App, schadet ihm das sehr wahrscheinlich nicht, es kann sogar förderlich sein.» Aber, betont ­Hipeli, kein Kind im Vorschulalter habe später einen Nachteil davon, wenn es noch nicht auf einem iPad herumspielen darf. Entscheidend sei der Inhalt. Und das Motiv: Spielt es aus Langeweile? Weil seine Eltern Pause haben wollen? Ebenfalls wichtig sei, dass die Eltern klare Regeln für den Medienkonsum aufstellen. Verunsicherten Eltern macht Hipeli Mut: «Medienkompetenz hat meiner Meinung nach weniger mit Technik zu tun, als mit einem gesunden Mass an Menschenverstand und Risikobewusstsein.»

Und das Wichtigste: Eltern müssen sich interessieren. Mitspielen, mitchatten, sich erzählen lassen, wie ein Spiel funktioniert, mit den Kindern zusammen ein lustiges Video drehen. Und danach wird das Handy wieder weggelegt. Diese Regel muss aber auch für Mama und Papa gelten.
 

Smartphone und Tablet: Tipps für Eltern

- Internetzugang abstellen, bevor Kinder auf dem Smartphone oder Tablet spielen.
- Kleinere Kinder nie unbeaufsichtigt auf dem Smartphone spielen lassen.
- Altersfreigaben bei den Apps beachten.
- Neue Apps zuerst mit den Kindern gemeinsam spielen.
- Viele Gratis-Apps sind mit Werbung voll gekleistert und animieren zu In-App-Käufen. Gute  Kinder-Apps verlangen nur die nötigsten Berechtigungen, schützen die Privatsphäre und verzichten auf Werbung und führen geschützte Elternbereich auf.
- Empfehlungen für kind­gerechte Apps gibt es unter:
www.klick-tipps.net/kinderapp www.jugendundmedien.ch.     
- Wie Eltern Smartphone und Tablet etwa mit spezellen Filtern sicher einstellen, erklärt www.surfen-ohne-risiko.net.
- Fachpersonen raten, Kindern erst ab zwölf Jahren ein eigenes Smartphone zu geben.
- Als Faustregel gilt: Pro Tag nicht mehr als zehn Minuten ­Mediennutzung pro Lebensjahr.

Thinkrolls
Mehr als hundert Levels warten darauf, durchrollt zu werden. Aber zuerst gilt es, die Hilfsmittel richtig zu verschieben, geheime Türen zu öffnen und knifflige  Rätsel zu lösen, damit die «Thinkrolls» weiterrollen können. Langer Knobelspass , grafisch top und mit einfacher Bedienung.
Ab 5 Jahren, Fr. 4.00
 
Der magische Garten
Mit dieser App können Kinder fantastische Wesen erschaffen. Zur Auswahl stehen mehr als 100 verschiedene Körperteile. Ist ein Wundergeschöpf fertig, prüft man: Läuft es, schwimmt es? Danach kann sich die Kreatur im magischen Garten mit anderen messen.
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Sonnensystem 
Gemeinsam mit Professor Astrocat gilt es nichts weniger, als das Sonnensystem zu erforschen – und die eine oder andere Medaille zu gewinnen, die Voraussetzung für eine eigene Raketenbauer-Karriere sind. Aufwendig designte App mit wissenschaftlichem Anspruch.
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Fiete
Fiete, der kleine Seemann mit gestreiftem Pulli, ist ein Klassiker unter den Apps für die Kleinsten. Mit Preisen überhäuft und von Eltern gerne weiterempfohlen, entführt er Kinder ohne Effekthascherei und nervige Musik in seine Welten voller kleiner, kurzweiliger Spiele.
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Der blaue Elefant
Den blauen Elefanten aus der Sendung mit der Maus, gibt es auch als App. Mit dabei die besten Lach- und Sachgeschichten und einige einfach gehaltene Spiele wie Sterne fangen. Da kommt lange keine Langeweile auf, zumal die Bibliothek stets aktualisiert wird.
Ab 3 Jahren, kostenlos
 

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