«Irgendwie muss es weitergehen»

Ein sprachwuchtiges, ein atemloses Début legt der 38jährige Kreuzlinger Autor Christian Rechsteiner vor. Sein Roman «Das Weinberger-Archiv» ist derb und skurril, einfallsreich und lyrisch – und gehorcht keiner Einordnung.
23. November 2014, 02:34
DIETER LANGHART

Zwei Schlüsselsätze stehen auf der ersten und der letzten Seite: mein körper, dachte weinberger, das bin ja gar nicht ich. Und: irgendwie sägte er ja immer noch an dem ast, auf dem er sass, aber irgendwie musste es ja weitergehen. Dann, im kurzen Epilog, diskutieren Weinberger, Breuer und Scheckel in ihrer Beiz, wo die Tour de France angefangen hat; in döblin, sagt der Wirt. Dieser Wirt heisst Jonas Kant, das Lokal «Im Innern des Wales».

Hauptfigur ist die Sprache

Und diesen Ton zwischen Abgrund und Aufatmen, Reisen und Stillstehen, Witz und Ernst hält der Autor durch. 331 Seiten lang. Auch der Leser, denn die Sprache ist der wahre Protagonist in dem an wunderlichen Figuren reichen Roman.

Grossartig, wie die sorgfältige und gepflegte Sprache mit der oft skurrilen und derben, aber erfinderischen Handlung voller Sprünge und Gegensätze kontrastiert, zu der die konsequente Kleinschreibung passt, die auch der Verlag durchzieht, eine geballte Faust im Logo.

Geschrieben hat den Roman der 38jährige Christian Rechsteiner, der in Kreuzlingen lebt und arbeitet. Sein Début ist das zweite Buch, das Pascal Beer in seinem Verlag Muskat Media herausgegeben hat, nach einem Band mit eigenen Gedichten. Heute abend lesen beide in Frauenfeld.

Einer erfindet sich selbst

Wer ist dieser Er, dieser Weinberger? Er erfindet sich und seine Genesis selbst! Weinberger, Sohn des Petr Janacek und der Klara Weinberger, breitet während einer Seefahrt und auf fast vierzig Seiten seine phantastische Genealogie aus, er ist Kolumbus, da Gama und Bering und gleichzeitig ihr Nachfahr; er wurde 1976 geboren (wie der Autor) und er lebte von 1697 bis 1919 (wie er anderswo schreibt); er fühlt sich nicht in seinem Körper, sondern als sein eigener Doppelgänger; er verliebt sich in Hannah Bouvier (die einzige Figur, bei der Rechsteiner die Ich-Form verwendet) und verliert sie wieder und hat seitenlang Liebeskummer; er ist Mythenzerleger und Fährtenleser des Alltags; er nimmt einen Aktenkoffer überall hin mit, irrt mit ihm ein Kapitel lang umher auf der «Eroberung des Schmerzes», weil er Hannah nicht vergessen kann. Bis der Koffer verschwindet und plötzlich wieder auftaucht.

Gern spielt der Autor mit Kontrasten. Lange, bisweilen fast zu lange Passagen wechseln sich mit filmisch raschen Schnitten; dauernd sind die Figuren unterwegs und wirken doch gefangen in ihrem immergleichen Tun; oft ironische Fussnoten brechen die ernsthaften philosophischen Bezüge; grosse Bögen spannen sich über winzige Details. Und selbst bei der witzig-prallen Erotik wird die Sprache nie vulgär.

Anklänge an Beat-Generation

Diese Gestalten! Sie könnten von einem Kerouac oder Burroughs stammen. Im ersten Kapitel, der «Erfindung des Weinberger», stellt sie der Autor vor und lässt sie quer durch den Roman irrlichtern. Immer neue Figuren tauchen auf, verschwinden wieder oder erhalten ausgedehnte Passagen wie der Autor Achilles Bohrfuss, dessen Gedenken das Buch gewidmet ist.

Weinbergers bester Freund ist Breuer. Er trägt das Haar lang, raucht Hasch aus der Pfeife, leert über den ganzen Roman hinweg über 600 Flaschen und Büchsen Bier, verliert dreimal seine Unschuld. Scheckel, der zweite Kumpan, ist Künstler und brüllt gern (in Versalien gesetzt) und gibt einer lesbischen Fotokünstlerin ein freches Interview. Neuenschwander heisst der «steif auftretende» oder «adrett gekleidete» junge Mann, Walt Molasky ist Musiker, Tanja erklärt die Weltzusammenhänge, während die Russin Olga aus Usbekistan stammt, aber eigentlich Tadschikin ist. Auch historische Figuren wie Dr. Guillotin tauchen auf – Rechsteiner springt beliebig in der Zeit und den Jahrhunderten umher. Und lässt Weinberger in Amerika auf einen Wandersänger ohne Geld stossen – hübsche Hommage an Verlegerfreund Beer, der genau das getan hat.

Das Archiv? Im Koffer!

Und was enthielt dieses Weinberger-Archiv, das dem Roman den Namen gegeben hat? Neuenschwander sagte gegen Ende: ein archiv ist niemals eine ansammlung von beliebigem material. Weinberger öffnete den Koffer und ergab sich dem lauf der dinge. Was der Koffer wirklich enthielt, erfährt der Leser nicht. Egal – er hat sich satt gelesen an einem nie beliebigen Buch, obwohl es seine Erwartungen mehr als einmal unterlaufen hat.


Leserkommentare

Anzeige: