Johnny Hallyday – Tod eines Unsterblichen

LUNGENKREBS ⋅ Mit Johnny Hallyday, bürgerlich Jean-Philippe Smet, verliert Frankreich einen seiner erfolgreichsten und grössten Sänger. Insbesondere seine grandiosen Konzertauftritte werden unvergessen bleiben.
06. Dezember 2017, 09:38
Daniel Walt
Es war ein hoch emotionaler Moment im Mai 2009 im Stade de France in Paris. Minutenlang feierten die Fans Johnny Hallyday mit Sprechchören, nachdem die letzten Töne seines Hits "Quelque chose de Tennessee" verklungen waren. Hallyday stand einfach nur da, hörte die Ovationen, bedankte sich – und plötzlich brach seine Stimme. Der Musiker, der das Image des harten Rockers jahrzehntelang gepflegt hatte wie kein zweiter in Frankreich, weinte vor 60'000 Fans.
 

Das Phänomen Hallyday

Zu jung, um den Aufstieg Johnny Hallydays zum Superstar Frankreichs in den 60ern und 70ern miterlebt zu haben, erwachte das persönliche Interesse an ihm 1995. Der Hitsänger und Songschreiber Jean-Jacques Goldman hatte Hallyday soeben das "Lorada"-Album auf den Leib geschneidert. Ein erster Konzertbesuch in Paris, damals noch im Parc des Princes - und die Faszination von Millionen Franzosen für das Phänomen Hallyday war plötzlich verständlich. Bereits in der Metro war unübersehbar, wer da im Stadion des Fussballclubs Paris Saint-Germain in Kürze auftreten würde: Frauen mit Hallyday-Shirts, Typen in Rocker-Kluften, mit Tätowierungen, einige sogar mit der typischen, blondierten Hallyday-Tolle. Eine Völkerwanderung von Jung und Alt war es zum "Idole des Jeunes", dem "Idol der Jungen", wie Hallyday aufgrund eines Songs aus seiner Frühphase oft genannt wurde.   

Es war der Höhepunkt eines jeden Konzerts von Johnny Hallyday: Zehntausende sangen den Refrain von "Que je t'aime" wie aus einer Kehle mit. (Youtube)

 

Per Heli ins Stadion

Konzerte von Johnny Hallyday waren ein Ereignis. In Zeiten, in denen die selbst ernannte Grande Nation längst nicht mehr so gross ist wie früher, bewunderten viele den Gigantismus von Hallydays Auftritten. 1998 beispielsweise liess er sich von einem Helikopter ins Stade de France einfliegen und wurde aus luftiger Höhe auf die Bühne abgeseilt. Bei anderen Auftritten rollte er mit einer Harley auf die Bühne oder flog in einer Art Weltraumkapsel ins Stadion.

Das musikalische Programm an seinen Konzerten war in den letzten Jahrzehnten stets nach demselben Muster konzipiert: Neue Songs, von aktuellen Produzenten auf modern getrimmt, wechselten in bunter Folge mit alten Hits – typische Rock’n’Roll-Songs aus den Sechzigern gingen beinahe nahtlos über zu Monumentalhymnen wie "L’Envie" oder "Que je t’aime", bei denen Zehntausende die Refrains wie aus einer Kehle mitsangen. Auch ein Unplugged-Teil gehörte stets dazu.

Ohne "L'envie" ging praktisch kein Konzert von Johnny Hallyday über die Bühne. Der Song stammt aus der Feder von Jean-Jacques Goldman. (Youtube)

 

Turbulentes Liebesleben

Auch abseits der Bühne verlief Johnny Hallydays Leben ausserhalb jeglicher Normen. Legendär waren seine Liebschaften: Während die Ehe mit Sylvie Vartan nach 15 Jahren geschieden wurde, war es mit Hallydays zweiter Ehe schon nach zwei Monaten und zwei Tagen wieder vorbei. Nach dem Scheitern seiner dritten Ehe mit Adeline Blondieau heiratete er dieselbe Frau nochmals – die zweite Scheidung folgte aber ebenfalls auf dem Fuss. Ein bis zu seinem Tode währendes Glück fand Hallyday dann Mitte der 90er-Jahre in der Person seiner letzten Frau Laeticia. Schlagzeilen über Drogenexzesse, übermässigen Alkoholkonsum und seine temporäre Steuerflucht in die Schweiz nach Gstaad begleiteten Johnny Hallyday im Lauf seiner Karriere ebenfalls.

Generationen von Franzosen haben ihn angehimmelt und gefeiert. Mit seinen Konzerten füllte Johnny Hallyday die grössten Säle und Stadien bis zum letzten Platz - auch in der Schweiz. Hallyday besass im Berner Oberland ein Chalet und lebte zeitweise auch dort. In der Nacht zum Mittwoch ist der Rocksänger nach einer Krebserkrankung gestorben. (Adrian Reusser)


Der Phoenix ist definitiv verbrannt

Mehr als einmal sprang Johnny Hallyday dem Tod von der Schippe. In den Sechzigerjahren scheiterte er beim Versuch, sich das Leben zu nehmen; vor acht Jahren lag er wegen Komplikationen nach einer Bandscheibenoperation tagelang im künstlichen Koma. Als Hallyday im vergangenen Frühling dann bestätigte, an Krebs erkrankt zu sein, bangten seine Fans monatelang um ihr Idol. Manch einer dürfte sich dabei voller Hoffnung an Michel Sardous Song "Hallyday (Le Phénix)" geklammert haben. Sardou, der zweite grosse Topstar in Frankreichs Musikszene, war jahrzehntelang mit Hallyday befreundet. In diesem Titel von 1973 setzte er Hallyday mit dem sagenhaften Vogel Phoenix gleich. Dieser verbrennt am Ende seines Lebenszyklus, um aus seiner eigenen Asche wieder aufzuerstehen.

Im Jahr 1973 veröffentlichte der französische Sänger Michel Sardou den Song "Hallyday (Le Phénix)". In diesem setzte er seinen Berufskollegen Johnny Hallyday mit dem sagenhaften Phoenix gleich, der nach seinem Flammentod aus der Asche wiederaufersteht. (Youtube)


In der Nacht auf Mittwoch ist Johnny Hallyday an den Folgen seiner Lungenkrebs-Erkrankung gestorben. Der Mann, der als unbesiegbar, ja gar unsterblich galt, ist tot. Der Phoenix ist definitiv nicht mehr. Überleben werden Hallydays ungezählte Songs. Und die Erinnerung an so manchen grossartigen Auftritt des Mannes, den die Franzosen "notre Jojo national" nannten. Ein Fan trauert bei der Residenz in Marnes-la-Coquette, wo Johnny Hallyday in der Nacht auf Mittwoch gestorben ist.

Ein Fan trauert bei der Residenz in Marnes-la-Coquette, wo Johnny Hallyday in der Nacht auf Mittwoch gestorben ist.


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