Ein Plädoyer für den Mut der Frauen

KINO ⋅ Die Tunesierin Kaouther Ben Hania beschreibt in ihrem eindringlichen Spielfilm «La belle et la meute», wie eine von Polizisten vergewaltigte Frau versucht, die Tat anzuzeigen und recht zu bekommen.
03. Dezember 2017, 09:55
Rolf Breiner

Wie immer beginnt es ganz harmlos – in diesem Spielfilm wie im Leben. Junge Frauen im Ausgang. Die Studentin Mariam ­(Mariam Al Ferjani), sexy aufgemacht, besucht mit ihrer Freundin eine Fete der Universität; die ­Studentinnen feiern, tanzen und Mariam flirtet mit Youssef (Ghanem Zrelli). Die beiden schnappen frische Nachtluft, gehen an den Strand und dann …sieht man sie davonrennen. Auf der Flucht vor was und wem?
 

Vertuschen, verdrängen, vergessen

Erst allmählich erfahren Youssef und das Kinopublikum, was vorgefallen ist. Polizisten haben das Pärchen «kontrolliert», bedrängt, drangsaliert und es getrennt. Mariam wurde ins Auto gezerrt, erfahren wir, und vergewaltigt. Die Party-Bekanntschaft Youssef bestärkt sie darin, die Tat anzuzeigen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. So beginnt eine erniedrigende Odyssee durch die Nacht und die Institutionen. Ärzte, Schwestern, Polizeibeamte, Staatsanwälte sperren sich, schieben Kompetenz und Verantwortung von einer Stelle auf die andere. Das Opfer wird ein zweites Mal zum Opfer gemacht. Die Mühlen des selbstherrlichen Beamten- und Verwaltungsapparats mahlen falsch, langsam – wenn überhaupt. Von Strafverfolgung keine Spur. Angezweifelt, verhöhnt, bedrängt, bedroht – die junge Mariam ist dabei ständig männlicher Anmassung und Arroganz ausgesetzt, an der selbst angepasste Frauen beteiligt sind. Natürlich versucht man den Vorfall von Amtes wegen zu vertuschen, zu verdrängen und vergessen zu ­machen. Sie solle aufhören, zu insistieren, sich beugen und ihre Anklage widerrufen. Man schreckt selbst vor Gewalt und Erpressung nicht zurück. Denn Mariam wird zur Bedrohung des korrupten Macho-Apparats, des Systems.

Im Jahr 2012 hat sich tatsächlich ein derartiger Fall in Tunis zugetragen. Eine vergewaltigte Frau versuchte vergeblich, das Vergehen bei der Polizei zu rapportieren. Das Verbrechen schlug hohe Wellen in den tunesischen Medien.
 

Eine Parabel auf das ­Tunesien nach 2011

Die Regisseurin und Autorin ­Kaouther Ben Hania hat den ­Vorfall aufgegriffen und den ­packenden Spielfilm «La belle et la meute» in Stile eines dokumentarischen Thrillers gedreht. Das Drama erzählt sie in acht Akten: vom Uni-Fest und dem Weg­rennen nach der Vergewaltigung, die übrigens nie gezeigt wird, über Krankenhaus-Besuche, Anhörungen und massive Einschüchterungsversuche auf Polizeiposten bis zur Weigerung und zum finalen Statement. Mariam wird zu einer Jeanne d’ Arc. Zuerst ver­unsichert und verzweifelt, ent­wickelt die junge Frau eigene Stärken gegen diese Männermeute, die vorgibt, nur dem Staat zu dienen. Der Film beschreibt nicht nur eine tatsächliche Begebenheit, sondern wird auch zu einer Parabel über das Tunesien nach 2011. Darin widerspiegelt sich ein machoistischer Macht­apparat mit Individuen, die sich dagegen zu wehren beginnen. Ein Dokument des Widerstands und der Rechtsfindung.

Die Tunesierin Kaouther Ben Hania wollte nach eigenen Aussagen aber nicht einfach News verfilmen, «sondern die Fiktion verwenden, um vom Mut zahl­reicher Frauen zu erzählen, die dafür kämpfen, dass ihre Rechte respektiert werden». Ihr Film ist ein Plädoyer für Frauen, für die Grundrechte sowie den gegen­seitigen Respekt – und das nicht nur im arabischen Raum. Dies gelingt ihr auf eindringliche Weise.

 

Rolf Breiner

«La belle et la meute» läuft derzeit im Kinok St. Gallen, weitere Kinos aus der Region folgen.


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