Auf Tour mit der Bach-Boygroup

BAROCKSTARS ⋅ Die Blockflötistin Dorothee Oberlinger und Countertenor Andreas Scholl zählen zu den internationalen Grössen der Alten Musik. Im Konzert lieben sie es, «durchlässig zu sein für das, was im Moment passiert». Im Gespräch spätabends ist das noch spürbar.
04. Dezember 2017, 08:35
Bettina Kugler

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Kurz vor 22 Uhr im Künstlerzimmer der Tonhalle St. Gallen. Andreas Scholl hat das locker fallende schwarze Konzerthemd schon gegen einen Pullover getauscht. Er macht es sich auf dem Sofa unter dem Schoeck-Porträt bequem und desinfiziert erst einmal die Hände. Advent, das ist nicht nur die Saison des Singens und Musizierens allüberall, mit dem er von Kindesbeinen an aufgewachsen ist. Advent ist auch die Zeit der Infekte. So sehr ihn die Gratulationen und Begrüssungen nach dem Konzert auch freuen, eine Erkältung kann er nicht riskieren. Zur Erfrischung gibt es Wasser; der Adrenalinspiegel ist hoch genug eine Viertelstunde nach dem Auftritt.

Spiel mit dem Raum als Resonanzkörper

Die Musiker des von Dorothee Oberlinger gegründeten Ensembles 1700 sind schon vorausgegangen; sie haben Hunger. Die Blockflötistin und der Countertenor werden ihnen später folgen. An Schlaf ist noch lange nicht zu denken. In jeder Faser pulsiert die Musik, klingen die ihnen so durch und durch vertrauten Werke von Bach, Vivaldi und Händel nach, die sie zwei Stunden lang neu zum Sprechen gebracht haben. Die gemeinsame CD «Small Gifts of Heaven», entstanden im Januar, ist gerade erschienen. Live aber entwickelt sich die Interpretation weiter. Ein langer Tag liegt hinter ihnen. Gemeinsam sind sie im Tournéebus angereist, hatten schon vor der Nachmittagsprobe Interviews, einen Drehtermin mit dem ORF. Die Filmcrew packt gerade noch ihre Ausrüstung zusammen.

Am Abend zuvor waren sie in Riehen: dasselbe Programm «unter erschwerten Umständen», wie Andreas Scholl sagt. Die Akustik sei trocken gewesen, da sei die Versuchung gross, mit Druck zu singen. «Die Stimme ermüdet schneller und verliert an Glanz, es braucht also mehr Druck – dabei verliert man die Durchlässigkeit für das, was im Moment geschieht.» Im Idealfall überträgt sich die Durchlässigkeit aufs Publikum, wie gerade in St. Gallen. Das Ensemble 1700, angeführt vom russischen Violinisten Dmitry Sinkovsky, wirkte fast wie eine Band, springlebendig, federnd. Energiegeladen noch im kaum mehr hörbaren Pianissimo, an Stellen, an denen andere gern zeigen: Hey, wir sind auch da, nicht nur die Stars. Das hat die siebenköpfige Boygroup um Dorothee Oberlinger, verlässlich zusammengehalten von Olga Watts am Cembalo, nicht nötig. Vielleicht auch deshalb, weil die in Köln geborene Blockflötistin mit ihrem Instrument nie lautstark regiert. Stattdessen inspiriert sie ihr Ensemble, indem sie flink wie der Wind durch Prestosätze tänzelt, von Stück zu Stück die Flöte wechselt und damit den Klangcharakter. Indem sie, beseelt singend, alle Affektlagen auslotet wie Altus Andreas Scholl.

An ihm bewundert Dorothee Oberlinger, wie instrumental er phrasiert, wie ähnlich sein Tim­bre einer Flöte, einer Oboe werden kann. «Bach hat nicht sehr sängerisch geschrieben», sagt Scholl. Der Text hilft bei der Einteilung der Bögen. Umso mehr ist Dorothee Oberlinger froh, als Pfarrerstochter mit den Kantaten und Chorälen gross geworden zu sein. «Ich stelle mir oft in den langsamen Sätzen einen Text unter den Melodiebögen vor.» Für beide bleibt Bach eine stete Herausforderung. «Seine Musik braucht immer vollsten Körper-Geist-Einsatz», sagt Andreas Scholl. «Man kommt, so erfahren man auch mit den Jahren ist, jedes Mal dicht an seine Grenzen.»

Schon wieder im Gepäck: Die seidige «Rüstung»

Wieder ist Durchlässigkeit das Stichwort: ein Verzicht auf falschen Ehrgeiz, auf das Gewollte. «Bach will ja mit seiner Musik auf die andere Seite des Daseins vorbereiten. Er sagt: Sei wachsam, öffne dein Herz.» Wenn in diesem Geist im Ensemble musiziert wird – und nach diesem Kriterium hat Dorothee Oberlinger ihre Gespielen ausgewählt –, verändert das die Leute im Saal. «Das sollte auch der Taxifahrer, der einen abgehetzten, gestressen Menschen an der Tonhalle abgesetzt hat, auf der Heimfahrt spüren.»

Mit dem Hemd übrigens, das Andreas Scholl auf der Tournée trägt, hat es eine besondere Bewandtnis: Es ist ein Erbstück aus dem Nachlass Richard Levitts. Über dreissig Jahre begleitete ihn sein Lehrer, war ihm ein zweiter Vater. «Der Mensch, der dir den Weg zur Stimme ebnet, wird eine Überfigur», sagt Scholl. «Das Hemd ist wie eine Rüstung.» Er lacht. Kein Panzer, sondern eine seidig leichte Hülle. Der Stoff, der kühn genug macht, Abend für Abend ins Offene zu singen.


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