Weniger wäre mehr

Während dreier Wochen zeigen 82 Künstler an sieben Standorten im Kanton Thurgau ihre von einer Jury ausgewählten Werke. Entdeckungen sind rar, viele Werke sind konventionell.
22. November 2016, 02:35
Christina Genova

«Stoppt Shows organisiert von der Ostschweizer Art-Mafia!» So lautet eine von zwanzig Forderungen eines unbekannten Kollektivs kritischer Kunstschaffender, die auf A4-Blättern zu lesen sind. Sie sind in Guerillamanier auf die Säulen der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Weinfelden geklebt. Sie ist einer von sieben Ausstellungsorten der Werkschau Thurgau, die am vergangen Samstag eröffnet worden ist. Organisiert wird die jurierte Gruppenausstellung zum zweiten Mal von der Thurgauer Kulturstiftung, die in der letzten Zeit wegen ihrer Förderpraxis in der Kritik stand – deshalb wohl der Seitenhieb mit der «Art-Mafia». Doch die Löcher im Jury-Sieb waren diesmal gross, fast zu gross. Viele Positionen vor allem im Bereich der Malerei sind deshalb enttäuschend konventionell, Überraschendes ist selten zu finden. Was die 82 ausstellenden Künstler eint, ist ihr Bezug zum Kanton Thurgau, der ausserordentlich grosszügig ausgelegt wird.

Grosser Aufwand für kurze Ausstellungsdauer

«Stoppt die aufgeblasenen Formate, die nach platter Aufmerksamkeit gieren!» So lautet eine weitere Forderung des Weinfelder Manifests, das die Handschrift des Künstlerduos Bildstein/Glatz trägt. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich kritisch mit der Kunstwelt und ihren Funktionsmechanismen auseinanderzusetzen. Doch gemessen am Publikumsaufmarsch an der Vernissage und der stattlichen Zahl der eingereichten Dossiers (165), scheint das Format der Werkschau einem Bedürfnis zu entsprechen. Fraglich ist hingegen, ob sich der grosse Aufwand für eine Ausstellung lohnt, die nur drei Wochen dauert. Ausserdem gilt für die Werkschau Thurgau leider, was auch für ähnliche Ostschweizer Ausstellungsformate wie «Heimspiel» oder «Grosse Regionale» gilt: mehr ist mehr. Zwei Ausstellungsorte sind neu dazugekommen, die Galerie Widmer/Theodoridis in Eschlikon und die KVA Weinfelden. Dies hatte zur Folge, dass die Schreibende in fünf Stunden Stafettenvernissage im Car kreuz und quer durch den Thurgau nur vier der sieben Ausstellungsorte besuchen konnte. Besonders gross war die Neugierde auf die Kehrichtverbrennungsanlage. Zum Reiz eines solch unkonventionellen Ausstellungsortes gehört es, sich ständig zu fragen: Ist das Kunst oder gehört das zum Inventar? Was man in Weinfelden jedoch verpasst hat ist, von den Ausstellenden einen Ortsbezug einzufordern. Dies führt dazu, dass die KVA für die meisten Künstler nur Kulisse ist.

Antennen ausgestreckt wie Fühler

Eine der löblichen Ausnahmen ist Blablabor. Das aus Annette Schmucki und Reto Friedmann bestehende Künstlerduo hat die Installation «on/off» speziell für Weinfelden geschaffen. Sie besteht aus zwei Haufen aufgeschichteter UKW-Radios, deren Antennen wie die Fühler von Insekten ausgefahren sind. Zwischen die Radiogeräusche mischen sich Aufnahmen aus dem Maschinenraum der KVA, abgespielt werden sie über versteckte MP3-Player. Blablabor findet mit ihrer Installation ein prägnantes Bild für die geringe Halbwertszeit von Technologien.

Mit einer ähnlichen Thematik beschäftigt sich Andy Guhl im Thurgauer Kunstmuseum. Für seine These, dass die Bedeutung von Silizium als Bestandteil vieler digitaler Geräte vergleichbar sei mit dem Stellenwert von Obsidian in der Steinzeit, findet er in einer raumgreifenden Projektion eine verführerische Umsetzung. Mit den Schattenseiten der Gentechnologie setzen sich in eher spröder Manier Aurelio Kopainig und seine Frau Julia Mensch auseinander.

Bilder aus Trump- und Blocherland

Nach Inspirationen suchen Thurgauer Künstler offensichtlich gerne auf Reisen. Willig Oertig begibt sich nach Paris und findet in seinen Interieurs aus dem TGV stimmige Bilder für die Einsamkeit des Zugreisenden. Simone Kappeler hat von ihrem Atelieraufenthalt in New York Nachtbilder mitgebracht. Die Fotos der Brooklyn-Bridge, von Obdachlosen und Szenekids wirken jedoch ziemlich klischeehaft. Eine Entdeckung sind hingegen die Fotografien aus der Serie «Unguided Road Trip CH/USA» von Roland Iselin. «Möblierungen» nennt er die Sammlung von Robidogs, Jägerhochsitzen, Wohnwagen oder öffentlichen Toiletten, die er in den USA und in der Schweiz zusammengetragen hat. Es sind Bilder aus der Provinz, aus Trump- und Blocherland.

Zu den sinnlichsten Objekten der Ausstellung zählt Kurator Richard Tisserand Renate Flurys Seelennester. Sie sind im Kunstraum Kreuzlingen zu sehen. Seit die Bildhauerin an Multipler Sklerose erkrankt ist, wendet sie sich weniger kräftezehrenden Materialien zu. Ihre aus Gips bestehenden Seelennester sind innen hohl und erinnern formal an Schädel oder Fruchthülsen. «Ich schaffe Leere», sagt die Künstlerin dazu.

Bis 11.12.

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