Ulknudeln aus dem Orchestergraben

CLOWNERIE ⋅ Im hübschen Theater 111 im St. Galler Quartier St. Fiden gastieren in diesen Tagen die Clowns der Truppe Clown-Horchester. Ein fideles weibliches Quintett mit Belustigungspotenzial.
06. Februar 2017, 05:36
Brigitte Schmid-Gugler

«Usverchauft!», da hat man selber grad noch mal Glück gehabt. Der kleine Theatersaal ist tatsächlich bis auf den letzten Platz besetzt. Und vorne auf der Bühne – das wäre jetzt hier das Trottoir vor dem Eingang – steht das illustre Grüppchen Rücken an Rücken wie einer im Fasnachtskostüm steckender Tatzelwurm und will es der knolligen Kartoffel-­Eierkartonnase nicht wirklich glauben: «Usverchauft»! Ihr eigenes Konzert. Ihre eigene Show. Ihr eigenes Programm der musikalischen Ungewissheiten – ausverkauft!

Mit rot(z)nasiger Unbekümmertheit

Was das Publikum in Scharen – im Theater 111 sind alle fünfzig Nasen im Besitz eines Sessels –herbeilockt, zeigen uns die fünf Lustgewinnlerinnen nun in einer guten Stunde des unbedingten Willens, es als Musikerinnen zur ungewissen Professionalität bringen zu wollen. Nur ist das halt bei Clowns, die ja die Regeln der guten Absichten mit rot(z)nasiger Unbekümmertheit umzustülpen wissen, so eine Sache. Das fabelhaft ambitionierte «Concerto ­incerto» bemüht sich liebevoll und mit scherzkeksiger Narrheit, den orchestralen Auftritt zu strapazieren. Ada Hehli Rüst, Carola Sallmann, Coretta Bürgi, Gabriella Stoffel und Eva Schällibaum, gecoacht von Andreas Beutler, tragen jede mit ihrer jeweiligen Charaktereigenschaft dazu bei, dass die Partituren zerfleddern. Denn wir wissen es: Auch im ­Orchestergraben ist Irren nur menschlich. Da werden Notenständer schon mal zu Tennis- oder anderen -schlägern; da furzt eine der anderen schon mal den Geissenpeter; da pfeift schon mal ein ziemlich eisiger Flötenwind.

«Pomme dö Tärr» mit weisser Fellmütze gibt sich resolut, was natürlich sofort torpediert wird. Plotta ist immer schon «fertig», bevor sie etwas in Angriff genommen hat. Die verträumte und gern flennende Fragola scheint konstant kurz davor zu sein, sich ein Stücklein von ihrer erdbeersüssen Nase abbeissen zu wollen. Madam Etoile, ganz ihrem Naturell entsprechend, schaut wissend – und öfter genervt über die unkoordinierten Kolleginnen – zu den Sternen, während der grosse rote Mund von Mathilda diese gleich bündelweise verschlucken könnte. Überhaupt versprüht sie mit ihren viel zu grossen Schuhen und dem Lacktäschchen, aus dessen Innern sie immer nichts hervorzaubert, einen umwerfenden Charme.

Viele originelle Einfälle noch ohne Gesamtlinie

Die fünf Clowns parodieren die Ernsthaftigkeit, sie scherzen mit dem Eifer, sie kitzeln an unserer ach so sehr bemühten Abgeklärtheit und führen uns wieder einmal vor Augen, wie erfrischend es sein kann, kompliziert zu sein.

Trotz der vielen – fast zu vielen – originellen Einfälle fehlt es etwas an einer choreographischen Gesamtlinie. Diese zerfällt zu oft in Einzelteile und entraubt sie ihrer Poesie. Viele Einzel­nummern reihen sich lose aneinander, manche wirken eher plump, andere werden zu kurz angespielt; im Glücksfall nur verhaken sie sich zu kleinen Plots. Highlights sind die schrägen A-cappella-Auftritte. Mit ihnen ist der Beweis erbracht, dass unter diesem heiss servierten Teller Ulknudeln der Beutel mit dem scharfen Pfeffer klebt.

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Fr/Sa, 10./11.2., 20 Uhr, Theater 111, St. Gallen


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