Töne lügen nicht

Die Pianistin Alena Cherny schenkt der Musikschule ihrer ukrainischen Heimatstadt einen Flügel. Regisseur Christian Labhart ist mit «Appassionata» mehr als nur ein Dokumentarfilm geglückt: Der Streifen ist eine berührende Spurensuche.
14. Mai 2013, 01:38
MARTIN PREISSER

Die weissen und die schwarzen Tasten sind ihre Welt. «Sie verraten mich nicht. Freunde gehen, Männer gehen, Kinder gehen auch – aber die Tasten bleiben», sagt Alena Cherny. Drei Flügel stehen in ihrem Häuschen in Wetzikon, und die Pianistin ist erstaunt, wie viele Reaktionen sie auf den Film «Appassionata» erhalten hat. «Der Film zeigt mich doch einfach, wie ich bin. Da ist nichts gespielt. Das Leben ist zu kurz, um Theater zu spielen.» «Appassionata» wurde 2012 beim Zürcher Film Festival mit den Publikumspreis ausgezeichnet. Der Film zeichnet als Rahmenhandlung erst einmal die Reise eines Konzertflügels vom Zürcher Oberland in die Musikschule der kleinen ukrainischen Stadt Romny nach. Warum berührt dieser Film?

Christian Labhart hat einen packenden Dokumentarfilm gedreht, aber nicht nur: «Appassionata» ist eine feinfühlig begleitete Reise einer inzwischen in der Schweiz und international erfolgreichen Konzertpianistin zurück in eine schwierige Kindheit und Jugend. Was aber am meisten berührt, ist Alena Cherny selbst, eine so sensible und zerbrechliche wie kraftvolle Musikerin, die von sich sagt: «Ich lebe so, wie ich spiele, und ich spiele so, wie ich lebe.»

Intim und einfühlsam

Vielleicht gemahnt die Liebe Alena Chernys zur Musik den Zuschauer an eine eigene Spurensuche zu dem, was ihn wirklich bewegt im Leben. Musik und Leben sind bei dieser Künstlerin eins. «Mit Worten kann man lügen, mit Tönen nicht», sagt sie. Sensibel, intim und mit bewusster Schlichtheit begleitet der Film die Pianistin zurück an die Orte ihrer Kindheit. Die Regie geht sehr nahe an die Heldin heran, direkt, aber einfühlsam, intensiv, aber fein und unaufdringlich.

Alena Cherny besucht ihr altes Internat in Kiew, in dem sie ab dem neunten Lebensjahr leben musste, oft gemobbt, oft hungrig, allein. Eine traumatische Jugend im sozialistischen Erziehungssystem, zehn Jahre Drill als Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium. Dann explodiert Tschernobyl. Alena Cherny erkrankt an Leukämie. Gespenstisch im Film die Fahrt durch verstrahltes Gebiet in die Geisterstadt Pripyat. Gespenstisch der Anblick eines total zerstörten Flügels dort. Die Pianistin nimmt ein kleines Klavierhämmerchen mit. Hier ist nicht nur eine Stadt, hier ist Kultur zerstört worden.

Leidenschaftlich

Emigration aus der Ukraine, heute erfolgreich integriert in das Leben in der Schweiz. Wo ist Alena Chernys Heimat? «Heimat ist dort, wo man nützlich sein kann. Heimat trägt man letztlich in sich», sagt sie. Der Film «Appassionata» zeigt eine leidenschaftliche Frau, aber auch eine sehr authentische. Und wenn Alena Cherny über Musik nachdenkt, denkt sie über das Leben nach. Und wenn sie spielt, spielt sie ein ganzes gelebtes Leben. «Sie brennt beim Spielen», sagt ihre Mutter zu Recht.

Chopin trotz Parkinson

Spurensuche im Elternhaus: Nie könnte die Pianistin dorthin zurückkehren. «Das würde ich nicht überleben.» Sie sieht die Eltern, die sie von der Schweiz aus finanziell unterstützt, wenig, hat dabei auch Schuldgefühle. Eine intensive Familienszene in der Ostukraine, bei der Tränen fliessen. Weinen muss Alena Cherny auch, als sie ihre alte Klavierlehrerin besucht. Die Dame hat Parkinson, spielt am völlig verstimmten Klavier dennoch einen Chopin-Walzer und zitiert auf Deutsch ein Heine-Gedicht. Solche Szenen sind es, die beim Zuschauer des Films viel auslösen – wie etwa bei einem Mann mit Lähmungen in der Hand, der sich, nachdem er «Appassionata» gesehen hat, bei Alena Cherny wieder für Klavierstunden angemeldet hat.

Als der Flügel nach einer langen, komplizierten Reise endlich in der Musikschule von Romny steht, wird er von den Kindern wie ein Held gefeiert. «Flügel, Flügel, Flügel» skandieren sie. Mit dem Flügel hat Alena Cherny den Kindern in ihrem ukrainischen Heimatort nicht nur ein wertvolles Musikinstrument geschenkt. «Der Flügel ist Teil von mir geworden. Mit einem Flügel lasse ich einen Teil von mir hier», sagt Alena Cherny an der Einweihungsfeier.

Kinok: An der Vorstellung von Donnerstag, 16. 5., 20 Uhr, sind Alena Cherny und Christian Labhart anwesend. Weitere Spielzeiten: 18.5., 15 Uhr; 20.5., 11 Uhr; 23.5., 19.15 Uhr; 26.5., 11 Uhr; 31.5., 17.15 Uhr

Leserkommentare

Anzeige: