Leben, Lieben und Leiden

Frieda Gross und Ernst Frick waren Aussteiger auf der Suche nach dem anderen Leben. Dieses andere Leben haben sie auf dem Monte Verità gefunden. Zwei Bücher zeichnen ihr Leben nach, morgen werden sie vorgestellt.
24. Juni 2014, 02:35
ROLF APP

Eine Begegnung auf der Piazza von Locarno hat der heute 85jährige Ökonom Hans Christoph Binswanger noch lebhaft vor Augen. «Wir trafen Ernst Frick zufällig», schreibt er im Vorwort zu einer Biographie, die Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz morgen in St. Gallen präsentieren (Kasten). «Er stand da in seiner zu dieser Zeit typischen Kleidung – farbiges Hemd, gebeulte Hose, Baskenmütze –, eine hagere Gestalt mit einem holzschnittartigen Gesicht.»

Sofort habe Frick Binswangers Vater in ein Gespräch verwickelt. Es ging um die keltische Siedlung «Balla Drume» oberhalb von Ascona, die er entdeckt hatte. «Er war so fasziniert von seiner neuen Aufgabe, dass er von diesem Thema gar nicht loskam. Wir standen stundenlang auf der Piazza, und ich war als Zuhörer fasziniert von der Hingabe an diese Aufgabe, mit der ihn niemand beauftragt hatte, die er sich selbst gestellt hatte.»

Im Kreis der Aussteiger

Anarchist, Künstler, Hobbyarchäologe, Sprachforscher: Ernst Frick, 1881 im Kanton Zürich geboren, aufgewachsen in Uzwil, gestorben 1956 in Ascona, hat viele Gesichter. Wegen anarchistischer Umtriebe sitzt er ein Jahr im Gefängnis, als Künstler wird er in Ascona zum Mitbegründer der Künstlergruppe «Der Grosse Bär». Er gehört in den Kreis jener Aussteiger, die auf dem Monte Verità nach neuen Lebensformen suchen.

Doch bevor es ihn nach Süden zieht, taucht Ernst Frick ein in die Welt der Arbeit. Bei Escher, Wyss & Cie. in Zürich macht er die Lehre, hier erlebt er im Juni 1902 einen Generalstreik. Er lernt den Arbeiterarzt Fritz Brupbacher kennen, den Revolutionär Erich Mühsam und den Psychoanalytiker Otto Gross. Er arbeitet an der anarchistischen Zeitschrift «Der Weckruf» mit. Bei Otto Gross begegnet er seiner zukünftigen Gefährtin und die Mutter seiner drei Töchter kennen – Frieda Gross, Ottos Frau. Otto Gross ist einverstanden mit der Beziehung. Er meint, Frick sei für sie der bessere erotische Partner. Es ist eine Zeit voller Liebesirrungen und -wirrungen.

Die Tochter erzählt

Eva Verena Schloffer, die erste Tochter von Ernst Frick und Frieda Gross, lässt in Esther Bertschinger-Joos das Interesse an deren Eltern erwachen. Sie lernt sie 1960 kennen und schreibt, es habe diese Tochter ein Leben lang belastet, ein uneheliches Kind zu sein. «Erst spät in ihrem Leben gelang es Eva Verena, sich mit ihren Familienverhältnissen zu versöhnen», erzählt sie.

So wendet Esther Bertschinger-Joos sich Frieda Gross zu und deren bewegtem Leben «im Umfeld von Anarchismus, Psychoanalyse, und Bohème», wie es im Untertitel zum Briefwechsel mit Else Jaffé heisst. Vom Ende her gesehen, scheine manches im Leben von Frieda Gross gescheitert zu sein, schreibt sie. «Die verwöhnte Tochter aus gutem Grazer Hause verbrachte ihre letzten Tage – sie starb 1950 – verarmt in einem Tessiner Bergdorf. Aber was sich in den Jahrzehnten dazwischen ereignet hat, ist erfüllt von intensivem Leben, Lieben und Leiden. Wellen des Glücks und des Unglücks wechseln sich ab.»

«Bermudadreieck des Geistes»

Aus der Spurensuche im Leben von Frieda Gross heraus entsteht auch das Lebensbild von Ernst Frick. Auf dem Monte Verità kommen seine bis in die Kindheit zurückreichenden künstlerischen Neigungen voll zum Ausbruch in einer Welt, für die der Ausstellungsmacher Harald Szeemann den Begriff «Bermudadreieck des Geistes» gefunden hat. «Es gibt keinen vernünftigen Grund, Maler zu werden, also auch keine verstandesmässige Erklärung», zitiert Richard Butz aus einem Text Ernst Fricks. Butz würdigt im zweiten Teil der Frick-Biographie dessen künstlerische Entwicklung.

Rückzug nach Bosco Gurin

Frick sucht nach einem Rückzugsgebiet und findet es im kleinen Bosco Gurin. Hier ist er nicht mehr elegant gekleidet wie in Ascona, sondern ein Bergler mit Béret oder Wollkappe. In Bosco Gurin und auf dem Lago Maggiore findet er seine Motive: die Bergwelt, versteckte Winkel, Tiere, Bäume, mystische Landschaften. «Menschen kommen auf seinen Bildern nur selten vor», schreibt Butz. «Wenn überhaupt, beobachtet er sie aus der Ferne oder stellt sie bei der Arbeit dar.» Ernst Frick sei «ein Mensch mit Widersprüchen und Gegensätzen, schwer zu fassen, auch als Künstler».

In späteren Jahren liegen ihm die Kelten- und Ursprachenforschung näher als die Malerei. Es ist die Zeit, in der ihm Hans Christoph Binswanger über den Weg läuft.


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