«Heute wäre sie eine Bloggerin»

Sie war Dichterin, Journalistin, Avantgardistin: Alfonsina Storni. Christoph Kühn hat dem Mythos einen Film gewidmet, jetzt zeichnet ein schweizerisch-argentinisches Theaterstück ihr Leben und ihr Land nach – mit live gespielter Musik.
27. Oktober 2015, 02:36
DIETER LANGHART

WEINFELDEN. «Jetzt geht's los», ruft Annette Kuhn den vier Spielern zu, dabei stecken sie mitten in den Proben. Sebastián will mit Valérie tanzen, sie sagt nein, dann beginnt Sebastián zu tanzen – mit Liliana. Eine Zamba, wir sind in Argentinien und nicht in Brasilien.

Probe im Theaterhaus Thurgau zu «Así Es». «So ist es» auf Deutsch. Doch was ist so – das Leben? Alfonsinas Land? Oder die Entwicklung eines Theaterstücks über den Atlantik hinweg? Die Schwierigkeit, es zu finanzieren? Das Kunststück, in Buenos Aires einen Beamer zu finden und im Thurgau Unterkünfte für eine Schauspielerin und drei Musiker aus Argentinien?

«Alfonsina war überall»

Von alledem erzählen Annette Kuhn, die «Así Es» geschrieben hat und inszeniert, und der musikalische Leiter Markus Keller, beide Mitglieder des Ensembles Freies Theater Thurgau. Annette Kuhn arbeitete vor fünf Jahren einige Monate in Argentinien, da kam ihr die Idee zu «Así Es», denn «Alfonsina Storni war überall». Und «Alfonsina y el Mar» erzählt von ihr, eines der beliebtesten Lieder Argentiniens – nicht nur Mercedes Sosa singt es. Und jetzt entsteht ein Stück Theater, mit vier Schauspielern aus Argentinien und der Schweiz.

Markus Keller reiste ebenfalls nach Buenos Aires, auch er spürte, dass die Argentinier anders ticken als die Schweizer und vor allem ein anderes Verhältnis zur Zeit haben. Keller nennt «Así Es» ein Abenteuer, Kuhn einen logistischen Lupf. Die beiden suchten Geld via Crowdfunding, schlossen Vorverträge mit einer Ausstiegsklausel ab, denn Veranstalter wollen nicht die Katze im Sack kaufen, und ohne Aufführungsdaten lassen sich keine Fördergesuche stellen.

Argentinischer Volkssport

Am 26. Februar schreibt Annette Kuhn ins Projekttagebuch: «Heute Mittwochabend hätte die Hauptprobe für die Vorpremiere von <Así Es> stattfinden sollen.» Tags zuvor: «Da sollte man doch das eine oder andere mal ausprobieren vorher und nicht nur darüber diskutieren und träumen, was alles möglich wäre, ein argentinischer Volkssport übrigens, den man hier gut und gerne stundenlang betreibt.» Kuhn und Keller lachen inzwischen darüber, aber Zweifel haben sie immer wieder geplagt während der Projektphase.

Ihr Stück will das Land Argentinien erklären, aber ohne didaktisch zu sein. «Wir wollen eine Geschichte erzählen.» Als roter Faden darin: die Lebensstationen Alfonsina Stornis.

Rebellion und Todessehnsucht

Alfonsina Storni wird 1892 im Tessin geboren. Als sie vier ist, schifft sich die Familie nach Argentinien ein, wie Hunderte andere Schweizer vor und nach ihr, wie auch die Vorfahren der argentinischen Schauspieler in «Así Es», Liliana Vercellini und Sebastián Bossero.

Alfonsina veröffentlicht mit 18 ihre ersten Geschichten und Kolumnen, gehört bald zur Avantgarde Argentiniens und zu den grossen Wegbereiterinnen der lateinamerikanischen Frauenliteratur. Sie ist rebellisch, sie prangert das System an, sie setzt sich für die Arbeiterinnen ein – und gleichzeitig zweifelt und verzweifelt sie immer wieder, Todessehnsucht plagt sie. 1938 schreibt Alfonsina Storni das Gedicht «Voy a dormir» (Ich gehe schlafen), drei Tage darauf nimmt sie sich das Leben. Im Meer. «Der Tod war ein Teil von Alfonsina», sagt Schauspieler Sebastián Bossero, «er war ihre Angst und ihr Gott.» Im Stück tritt der Tod immer wieder auf.

«Wir wollen Poesie und Bilder»

«Alfonsina ist eine Ikone, eine Nationalheilige», sagt Annette Kuhn, «heute wäre sie wohl eine Bloggerin.» In «Así Es» steht sie auf der Mole vor ihrem letzten Sprung (oder war es ein Ausrutscher?), und die Geister verstorbener geliebter Menschen begegnen ihr und sprechen mit ihr, lassen Alfonsina zurück in ihr Leben und die wichtigen Stationen springen. «Wir wollen Poesie und Bilder in <Así Es>, nicht Erklärungen», sagt Annette Kuhn.

Musikalisch streift das Stück alle Provinzen, die in Alfonsinas Leben eine Rolle gespielt haben. «Auch die Zamba vorhin gehört zur argentinischen Volksmusik», sagt Markus Keller. Noch erklingt die Zamba vom Computer, aufgenommen in Buenos Aires vom Trío Vagón Tango und elektronisch übermittelt. An den elf Vorstellungen spielt es live. Das ist so vereinbart.


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