Four Lions

Explosive Satire

Four Lions Ein deutscher Politiker wollte die Terroristen-Satire verbieten – wegen Terrorgefahr. «Das wäre ein falsches Signal», kontert Nationalrat Geri Müller. Nun startet «Four Lions» in den Schweizer Kinos. Philippe Reichen
06. April 2011, 08:34
Philippe Reichen

Fünf Jihadisten entdecken ein amerikanisches Kriegsschiff, das in seichtem Gewässer vor Anker liegt. Sie planen spontan, es mit einer Barkasse voller Sprengstoff zu rammen und in die Luft zu sprengen. Mitten in der Nacht wassern sie ihr Boot, laden den Sprengstoff an Deck und gehen an Bord. Das Schiff vermag die Fracht nicht zu tragen und sinkt.

«Ganz normale Jungs»

Als der britische Filmemacher Chris Morris diese Geschichte in einer Zeitung liest, lacht er sich halbtot. Je mehr er zum Thema «islamischer Extremismus» recherchiert, desto skurriler wird sein Eindruck von jungen islamischen Gotteskrieger. Heute sagt er: «Eine Terroristenzelle ist nichts anderes als eine Gruppe ganz normaler Jungs. Eine kleine Gruppe gegenseitig sich aufstachelnder Kerle, die von der Kante ihres Bettes einen komischen Krieg plant.»

Darüber dreht er einen Film. «Four Lions» nennt er ihn. Der Film ist eine tiefschwarze Satire, die nicht die geringste Rücksicht auf die Befindlichkeiten realer Protagonisten nimmt.

Angst vor Terror

In Grossbritannien kommt Morris' Film 2010 in die Kinos. Das Publikum amüsiert sich bestens. An den British Comedy Awards gehört der Film zu den Gewinnern. Nächste Woche hat «Four Lions» nun Schweizer Premiere und läuft zeitgleich in Deutschland an. Wie wird der Film hierzulande aufgenommen?

Der deutsche CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer hat im Magazin des Senders Spiegel TV jüngst gefordert, den Film «wegen der aktuellen Terrorgefahr» nicht zu zeigen. «Four Lions» sei für Moslems eine ähnliche Provokation wie die in einer dänischen Zeitung erschienenen Mohammed-Karikaturen, so Mayers Argumentation.

Ist der Film tatsächlich so provokativ wie befürchtet? Die Frage geht an Qaasim Illi, Pressesprecher des islamischen Zentralrats Schweiz mit Sitz in Bern. Illis Haltung ist unmissverständlich: «In <Four Lions> wird weder Gott noch ein Prophet noch eine Offenbarungsschrift, in diesem Fall der Koran, auf die Schippe genommen.» Darum werde der Film weder Moslems noch den Islam beleidigen, ist sich Qaasim Illi sicher.

«Mit Humor erreicht man mehr»

Geri Müller, Nationalrat der Grünen und Präsident der Aussenpolitischen Kommission, ist derselben Meinung. Er hat sich den Film kürzlich zu Hause angeschaut und sich amüsiert. «Eine Zensur wäre das völlig falsche Signal», sagt Müller. In seiner früheren Tätigkeit als Berufsschullehrer, so Müller, habe er jeweils festgestellt: «Je ernster ein Thema behandelt wird, desto weniger kann man bewirken. Spielerisch und mit Humor erreicht man viel mehr.»

Der Film erinnert Müller an Monty Pythons Jesus-Satire «The Life of Brian». Dort singt der ans Kreuz genagelte Jesus Christus am Ende: «Always look on the bright side of life» (Schau immer auf die schöne Seite des Lebens). Es ist ein geradezu versöhnlicher Schlusspunkt hinter Brians Bestrebungen, von den Gläubigen nicht als menschgewordene Gottheit verehrt zu werden. Die Komikertruppe Monty Python führt das Bild Jesu und den christlichen Glauben ad absurdum.

Der Schuss geht nach hinten los

Christian Brütsch, Politologe am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen der Universität Zürich, erinnert «Four Lions» an Charles Chaplins «Der grosse Diktator». Die Satire über Adolf Hitler und die Nationalsozialisten hatte am 15. Oktober 1940, also mitten im Zweiten Weltkrieg, Premiere. Adolf Hitler hat sich den Film angeschaut und soll über seine eigene Film-Karikatur gelacht haben.

In «Four Lions» nun macht sich Chris Morris über den Habitus der islamischen Terroristen lustig. Die vier Gotteskrieger benehmen sich wie dämliche Stümper, «Möchtegern-Jihadisten» in der Definition von Christian Brütsch.

Waj (Kayvan Novak) hat sich sein Wissen über den Islam aus dem Buch «Die Katze, die nach Mekka reiste» angelesen. Der vollbärtige Faisal (Adeel Akhtar) verkleidet sich unter anderem als Frau, um in der Drogerie an Peroxid zu kommen. Später sprengen die Jihadisten, zu denen auch Omar (Riz Ahmed) und Barry (Nigel Lindsy) gehören, eine Krähe und aus Versehen ein Schaf in die Luft. Einen grösseren Unfall hatten sie in einem Terroristencamp. Ein Schuss aus einer Panzerfaust, der eine amerikanische Drohne hätte treffen sollen, war nach hinten statt nach vorne losgegangen.

«Realität ist fast zu lächerlich»

Die ständigen Missgeschicke und Unzulänglichkeiten sollen aus dem wahren Leben gegriffen sein. Chris Morris sagt nach seinen Recherchen: «Manchmal war die Realität fast zu lächerlich.» Er hatte unter anderem Zugang zu einer Aufnahme von zwei abgehörten Terrorverdächtigen. Die Jugendlichen verstecken 600 Kilogramm Kunstdünger. Mitten in der Nacht weckt der eine den anderen und fragt: «Bruder, dieser Kunstdünger, der ist nicht für Gartenarbeiten – oder?» Diese Szene könnte so auch in «Four Lions» vorkommen.

«Terrorismus ist relevant»

Hat Chris Morris Bedenken, sein Film könnte jemanden schockieren oder beleidigen? «Nur wenn man den Film nicht gesehen hat», so die Antwort des Regisseurs. Schockieren könne ein Weg sein, sich über öffentliche Einstellungen zu Dingen, die keine Relevanz haben, lustig zu machen. Aber Terrorismus sei relevant.

Der Zürcher Politologe Christian Brütsch spitzt Morris Gedanken noch zu: «Wenn aus Angst vor der Debatte auf eine Debatte verzichtet wird, dann ist das ein beunruhigendes Zeichen.» So weit dürfte es nun nicht kommen.

Ab 14.4. im Kinok, St. Gallen

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