Eine Marionette im eigenen Leben

BÜHNE ⋅ Das Unitheater Konstanz bringt Stefan Zweigs Novelle «Der Zwang» als brillante, berückende Inszenierung an drei Spielorten. Der Kampf gegen die eigene Feigheit wird zur zeitlosen Parabel in einer zerrütteten Welt.
05. Januar 2017, 05:38

Ferdinand, ein Maler, ist vor der «grossen Menschenmordmaschine» ins Schweizer Exil geflohen. Dann wird er einberufen. Er sagt zu seiner Frau «ich will ja nicht» und «aber ich muss doch» und packt und sagt «etwas in mir geht». Und er geht und verlässt Paula, die ihm vergeblich den Gehorsam auszureden versucht hat.

Unverkennbar sind die Parallelen zwischen Stefan Zweig und seiner Novelle «Der Zwang», die er 1918 niederschrieb. 1914 bis 1917 hatte er Dienst im Kriegspressequartier geleistet – als Freiwilliger. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging Zweig ins Exil. Denn Hitlers Erfolge hatten ihm seine Welt genommen, es gab keine Heimkehr in die frühere Zeit. Stefan Zweig schied mit seiner Frau am 23. Februar 1942 aus dem Leben, «aus freiem Willen und mit klaren Sinnen». Kurz zuvor war seine Autobiografie «Die Welt von Gestern» erschienen.

Zwei Schauspieler und ein wandlungsfähiger Chor

Andreas Bauer, Regisseur und Dramaturg am Theater Konstanz und Leiter des Unitheaters, und Ensemblemitglied Thomas Fritz Jung haben sich für das Unitheater Stefan Zweigs Geschichte angenommen, dieses Kampfs gegen die eigene Feigheit und die Macht militärischer Autorität, und im Kunstraum Kreuzlingen eine berückende Inszenierung präsentiert. Da ist «Der Zwang» noch dreimal zu sehen, später drüben in der Asylgaststätte des Empfangs- und Verfahrungszentrums und auch auf der Studiobühne der Uni. Denn aktuell sei der Stoff nach wie vor: «Selten war die Atmosphäre so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst», wie es im Programmheft heisst.

Brillant, wie die Regisseure die Novelle dramatisiert haben. Die Hauptrollen spielen zwei Ensemblemitglieder des Theaters Konstanz. Sebastian Haase gibt einen zerrissenen, verzweifelten Menschen, den seine Gedanken derart quälen, dass er zu einer Marionette im eigenen Leben wird. Eléna Weiss ist ihm nicht nur sanfte, liebevolle Partnerin – leeren Blickes rüttelt sie ihn auf, schilt ihn einen Narren, schreit ihn an: «Du lässt dich wollen.» Und dann, zum Schluss, lässt sie sich von ihm in die Arme nehmen. Dann ist alles gut, denn Ferdinand ist zurückgekehrt, ist nicht in den Krieg gezogen.

Andreas Bauer und Thomas Fritz Jung inszenieren die Novelle nicht als Dialogstück, sie stellen Ferdinand und Paula einen Chor gegenüber. Zwölf Darsteller, die Gesichter verschmiert, staubig die Kleider, stechend oder stumpf die Blicke, äusserst wandlungsfähig. Der Chor ist göttliche Stimme wie in der Antike oder Ferdinands Gewissen; er tickt wie die Uhr in ihrer Stube und zischt wie der Zug, in den Ferdinand steigt; er gibt sich ironisch, dann stahlhart. Und er erzählt aus der Innensicht der Protagonisten oder das Wesentliche zum Hintergrund, steht für das Volk und die Opfer des Krieges und auch die Menschenmordmaschine. Und als innig-traurige Klammer um das Stück legt der Chor das Lied vom Vreneli ab em Guggisberg. Nicht zwingend wären die zwei Wächter, die die Einberufung überbringen und zu Beginn die Zuschauer mit Trillerpfeifen zu den Sitzen lenken.

 

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Nächste Vorstellungen

• Kunstraum Kreuzlingen:

Mo, 9.1., 20 Uhr, Sa, 14.1., 16.30 Uhr, So, 15.1., 11 Uhr

• Agathu, Freiestrasse 28a, Kreuzlingen: Sa/So, 21./22.1., 20 Uhr

• Studiobühne Uni Konstanz:

Mi/Fr/Sa, 25./27./28.1., 20 Uhr

Vorverkauf Uni Konstanz, Homburger & Hepp Konstanz, Kunstraum Kreuzlingen (Fr 15–20 Uhr)


Leserkommentare

Anzeige: