«Emotionslose Banker, die 100 Millionen Dollar verzocken, sind Soziopathen»

Von Christof Lampart. Aktualisiert am 11.06.2009
Der Mensch wird gemäss dem Neuropsychologen Lutz Jäncke vor allem durch seine unbewussten Emotionen gesteuert. Gefühllos zu sein entspreche einer Krankheit, sagt er.
Die Vorstellung des Philosophen René Descartes vom Menschen als nicht nur vernunftbegabten, sondern vernunftgesteuerten Wesen («Ich denke, also bin ich»), das nach einer sittlich-logischen Vervollkommnung strebe sei, wenn auch schmeichelhaft, so doch völlig falsch. Diese Ansicht vertrat der renommierte Neurowissenschaftler und Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich, Lutz Jäncke, am Dienstagabend vor der Erfa-Gruppe im Weinfelder «Trauben».

Mensch reagiert auf Reize

«Wir suchen immer nach Gründen, um etwas zu rechtfertigen, das sich rational nicht rechtfertigen lässt», so Jäncke. Denn der Mensch basiere nicht auf Vernunft, sondern auf Gefühlen. Und diese steuerten ihn konsequent und oft unbewusst durchs Leben. Denn auch wenn sich der Mensch nicht an etwas Gesehenes erinnern könne – zum Beispiel an ein lachendes Gesicht, das für wenige Millisekunden von irgendwo eingeblendet wurde –, so nimmt das Gehirn doch diese Information wahr und verarbeitet sie zur Vorbereitung gedanklicher Tätigkeit. Der Mensch reagiert also auf Reize, die er rational gar nicht wahr nimmt. Diese «funktionale Blindheit» sei nichts schlimmes, sondern normal. Denn jeder Mensch beachte nur jene Aspekte, auf die er sich konzentriere.

Das menschliche Gehirn sei jedoch ein Organ von höchster Plastizität, das dem Menschen erlaube, sehr schnell etwas zu lernen oder zu verlernen – zum Beispiel Empathie. Wenn man mit einem Unbekannten 30 Minuten lang engagiert und nett Poker spiele und diesem danach plötzlich eine Spritze verpasst wird, dann signalisiert das Gehirn dem Probanden heftige emotionale Schmerzen – also Empathie. Das Gegenteil sei jedoch der Fall, wenn ein Mann die Spritze verabreicht erhalte, der sich zuvor beim Pokern ekelhaft verhalten habe: «Dann macht sich im Gehirn Genugtuung und Schadenfreude breit», so Jäncke.

Boden für Banker

Generell sei der Mensch kein moralisches Wesen, sondern stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Falsch sei ein diesbezüglich ausgeprägtes Verhalten, wie es in etwa Manager und Investmentbanker an den Tag legten, trotzdem. Denn wer vorgebe, als Manager cool zu sein, wenn er Tausende von Leuten entlasse oder mal 100 Millionen Dollar vor dem Frühstück an den Börsen verzocke, der sei «nicht cool sondern im höchsten Grade ein Soziopath». Denn emotionslos zu sein, sei keine menschliche Qualität, sondern «schlichtweg krank».

Jäncke empfiehlt deshalb vielen Banken ihre Topleute im Investmentbanking nach einigen Jahren, in denen sie mit vielen Millionen jonglierten, mal für ein Jahr wieder in eine Abteilung zu versetzen, wo 100'000 Franken schon viel Geld seien. «Dann kriegen die Leute wieder Boden unter den Füssen und merken erst, um was für riesige Summen es sich dabei handelt. Wenn die Emotionen sie jedoch davon tragen, dann kann es durchaus sein, dass es wieder zu so einer Finanzkrise kommen wird, wie wir sie jetzt haben.»

(ThurgauerZeitung)

Erstellt: 11.06.2009, 16:15 Uhr

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