Er steht auf, wartet vor der elektronischen Doppeltür und drückt auf den Knopf. Es leuchtet rot auf, wie ein böser Blick. Als der Zug fast still steht, ertönt ein Klacksen, während er seine Dose schüttelt. Er sprüht sein «tag» über die Tür. «Hey!», rufe ich. «Was soll das?» (Ich bin mit drei Freunden unterwegs, also darf ich mutig sein.)
Die Türen gleiten auf, der Junge flüchtet in die Nacht. In Sicherheit dreht er sich um und zeigt uns den Stinkefinger. Ich schaue immer wieder auf die Türen und bin irritiert, dass einer von Stadlers eleganten Thurbo-Zügen entstellt worden ist. Dann beginne ich, über den jungen Mann nachzudenken. Wer ist er? Welche Probleme hat er? Was hat er davon, in Zügen zu randalieren?
Der Graffiti-Künstler ist ein harmloses Beispiel von der Investition von Zeit, Geld und Energie in etwas Destruktives statt Kreatives. Das Argument, sie würden ihre unterdrückte Message verbreiten, galt vielleicht, als Graffiti erfunden wurde. Heute aber gibt es andere Möglichkeiten, sich auszudrücken. Diesen Banausen macht das Zerstören schlicht mehr Spass. Wobei man zugeben muss, dass viele Betonklötze hierzulande so langweilig sind, dass sie mit dem Spraycan verschönert werden … Aber nicht die schönen Thurbo-Züge!
Zunehmend scheint mir vergeudetes Potenzial das prägende Merkmal der Menschen. Vor allem von mir. Verschwendete Jugend, Zeit, Investitionen in Belangloses. Der entscheidende Punkt ist aber zu wissen, dass es nicht zu spät ist. Man hat es lustig gehabt, man hat aus Fehlern gelernt.
Ich wünschte, auch andere würden das in der Schule und zu Hause vermittelt bekommen und hätten mehr Vorbilder. Der Zug fährt ab.
(ThurgauerZeitung)