Evin: Die Folter-Hölle von Teheran

Von Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 10.07.2009
Im Iran sind in den vergangenen Wochen Tausende verhaftet worden. Die meisten sitzen im Evin-Gefängnis in Teheran. Die Anstalt ist berüchtigt für ihre Folterknechte.
Die Todesangst, das Gefühl der Einsamkeit, die Schmerzen. Jede Minute ihrer 29-tägigen Haft im Teheraner Evin-Gefängnis kommt Negar* wieder hoch, wenn sie dieser Tage im Internet die Videos von den Demonstrationen in ihrer Heimat anklickt. «Es bricht mir das Herz», sagt sie, «die Leute wissen nicht, was sie riskieren.» Jede Demonstration werde von den iranischen Sicherheitskräften gefilmt. Früher oder später würden alle Beteiligten aufgespürt und festgenommen. Laut offiziellen Angaben wurden in den vergangenen Wochen im Iran mindestens 1572 Menschen im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad verhaftet. Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehreren Tausend Festgenommenen.

Negar wurde im Juli 2001 verhaftet. Sie war 19 Jahre alt und studierte an der Teheraner Universität. Wie viele junge Iraner liess sie sich anstecken von der Hoffnung auf mehr Freiheit. Trotz Repression begehrten vor allem die Studierenden in der Hauptstadt immer wieder auf und forderten eine Lockerung der religiösen Gesetze. «Ich war ziemlich blauäugig», sagt Negar im Rückblick, «wir glaubten, die Welt ändern zu können. Wir hielten uns für unverwundbar.» Sie war keine Anführerin, sondern eine Mitläuferin. Die Proteste hatten für sie auch etwas Abenteuerliches. Denn als Tochter aus einer wohlhabenden Familie hatte sie - wie sie heute selbstkritisch anmerkt - wenig Grund, sich über ihre Lebensumstände zu beklagen.

Bereits der Schah liess in Evin foltern

Negar wurde von der Sittenpolizei aufgegriffen. Sie war den Tugendhütern aufgefallen, weil sie das Kopftuch zu weit nach hinten geschoben hatte. Die erste Nacht verbrachte sie in einer Zelle auf einem Polizeiposten, in der mehrere Prostituierte sassen. Als die Polizisten feststellten, dass Negar Studentin ist, wurde sie ins Evin-Gefängnis im Norden der Stadt überstellt. Hierher sind nun auch die meisten Anhänger der grünen Bewegung von Oppositionsführer Mir Hossein Moussavi nach ihrer Festnahme gebracht worden.

Evin wurde 1971 unter dem Schah errichtet. Es liegt am Abhang des Elburs-Gebirges und wurde vom Geheimdienst Savak betrieben. Ursprünglich wurden 320 Plätze gebaut, doch schon nach wenigen Jahren stieg die Zahl der Häftlinge auf 1500. Der Name Evin wurde zum Synonym für Folter und aussergerichtliche Exekutionen. Tausende Schah-Gegner liessen hinter diesen Mauern ihr Leben. Nach dem Sieg der islamischen Revolution 1979 änderte sich in Evin wenig. Einzig die Rollen wurden getauscht: Die Jäger sind jetzt die Gejagten und die Gejagten die Jäger.

Evin wurde zu einem weitläufigen Komplex ausgebaut, der tief in den Berg hinein reicht. Viele Zellen sind unterirdisch. 2006 waren nach offiziellen Angaben des Regimes 2575 Männer und 375 Frauen inhaftiert. Damals durften zum ersten und letzten Mal ausländische Journalisten das Gefängnis besichtigen. Sie bekamen jedoch nur einen Teil des renovierten Frauentrakts zu sehen. Menschenrechtler schätzen, dass heute mehrere Tausend Häftlinge in Evin untergebracht sind. Ehemalige Insassen berichteten, dass verschiedene Organe die Einrichtung benutzen.

«Das Evin-Gefängnis ist eine Stadt in der Stadt», erinnert sich Negar. Die unterirdischen Abteilungen erstrecken sich über mehrere Stockwerke. Als Erstes wurde sie kahl rasiert. Dann sperrte man sie in eine Einzelzelle, die ungefähr zweieinhalb auf eineinhalb Meter gross war. Es gab kein Bett und keine Toilette. «Ich musste ein Blatt Papier unter der Tür hindurchschieben, wenn ich aufs Klo wollte.» An der Decke hing eine nackte Glühbirne, die Tag und Nacht brannte. Negar wurde dauernd verhört. Sie sollte gestehen, dass sie eine Landesverräterin war. Und dass sie Geld von den Amerikanern und den Briten bekommen habe, um einen Aufstand anzuzetteln. Sie wurde geschlagen und psychisch gefoltert. «Das Schlimmste war, als sie mich zwölf Stunden lang mit verbundenen Augen an einen Stuhl fesselten und einfach sitzen liessen.»

Negar hält durch

Diese Methoden werden auch heute angewendet. Unter Führung des gefürchteten Teheraner Chefanklägers Said Mortasawi versucht das Regime, von den inhaftierten Demonstranten und Kritikern Geständnisse zu erzwingen. Sie sollen sich öffentlich schuldig bekennen, Teil einer westlichen Verschwörung zu sein, die den Sturz der islamischen Regierung betreibt. Wer nicht mit den Behörden zusammenarbeitet, wird eingeschüchtert und gefoltert, bis sein Widerstand gebrochen ist. Beliebt ist die «weisse Folter». Sie wird sogenannt, weil sie keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Sie reicht von der Androhung von Gewalt gegen Angehörige bis zu Schlafentzug und Scheinexekutionen. Geständnisse wurden laut Human Rights Watch bereits im iranischen Fernsehen gezeigt.

Negar widersteht ihren Folterknechten. Nach 29 Tagen wird sie aus dem Evin-Gefängnis entlassen. Die Freiheit verdankt sie ihrem damaligen Freund, der gute Beziehungen zu den Behörden hat. Doch in den folgenden Monaten wird die Angst, wieder verhaftet zu werden, ihr ständiger Begleiter. Sie trifft keine Freunde mehr, um sie nicht zu gefährden. Sie fühlt sich ständig überwacht. Weil ihre kranke Mutter eine erneute Festnahme nicht überleben würde, entschliesst sich Negar 2004, ins Exil zu gehen. «Ich wollte nicht weg», sagt sie, «denn es gibt für mich nur ein Zuhause, und das ist der Iran.»

* Negar ist ein Pseudonym. Sie will ihren Namen nicht in der Zeitung sehen, weil sie Angst hat, mit ihren Aussagen ihre Familie, die noch immer im Iran lebt, zu gefährden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2009, 06:34 Uhr

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