Wie sich das Tessin in hundert Jahren zum Kanton der Berghütten gemausert hat

Vor hundert Jahren wurde die erste SAC-Hütte des Tessins eingeweiht. Seither hat sich südlich des Gotthards viel getan – was weit über die Kantonsgrenzen Beachtung gefunden hat.
08. Juni 2012, 06:00
Neue Zürcher Zeitung

Marco Volken

Die Gnocchi Campo Tencia stossen auf regen Zuspruch, ebenso der ausgezeichnete Piemonteser Wein. Schliesslich wollen die 102 Anwesenden gebührend feiern. Die ausgelassene Stimmung gilt der soeben fertiggestellten Capanna Campo Tencia, die an diesem 10. August 1912 eröffnet wird. Eine Hütte «aus bearbeitetem Stein, mit Zement geglättet. Sie umfasst zwei geräumige Zimmer à je 20 Meter (Essraum und Schlafraum), einen Keller und einen Estrich. 16 Personen finden darin bequem Platz. Selbst ein Wintereingang wurde eingerichtet, mit einem erhöht angebrachten Fenster, das sich nach aussen hin öffnet.» Es ist ein robuster, schmucker Bau auf 2140 Meter Höhe, in einem Seitental der Leventina gelegen, unweit von Faido. «Hochs und Hurras erschallten, man schüttelte Hände, stimmte Loblieder an, trank sich zu, und alle waren sich eines neuen Reichtums, eines Vermächtnisses für die Ewigkeit bewusst», schreibt der anonyme Chronist.

Ein Traum geht in Erfüllung

Noch am selben Abend schickt Klubmitglied Enea Bosetti zwei Brieftauben los, um eine Grussbotschaft nach Lugano zu übermitteln, dem Sitz der Sektion Ticino des Club Alpino Svizzero. Die geflügelten Boten treffen am nächsten Morgen um sieben am Ziel ein. Etwa zur selben Zeit erreichen 35 Alpinisten im Rahmen der Feierlichkeiten den 3072 Meter hohen Pizzo Campo Tencia, den höchsten Gipfel, der sich vollständig auf Tessiner Boden befindet. Für die Sektion Ticino geht damit ein Traum in Erfüllung: der Traum einer eigenen Hütte. Vorbei die Zeiten spartanischer Übernachtungen im Strohlager irgendwo auf einer Alp, eingepfercht zwischen Vieh und Älplern. Fortan werden die Bergsteiger – zumeist gutsituierte Bürger – ein privates Refugium besitzen, wo sie nach Belieben einkehren dürfen.

Für den Tessiner Alpinismus ist dies ein historischer Augenblick, schliesslich wird die allererste Hütte des Schweizer Alpenclubs (SAC) im Südkanton applaudiert. Bloss: Als Asia Patocchi, die Gattin des Sektionspräsidenten, unter allgemeinem Jubel die Capanna mit Champagner besprüht, betreibt der SAC landesweit schon mehr als 70 Berghütten – einige davon seit über 40 Jahren. Lange haben die Tessiner also auf eine eigene Klubhütte warten müssen. Erstaunlich eigentlich, weisen doch die meisten Gipfel des Nordtessins Höhenunterschiede auf, die ohne Übernachtung am Berg kaum zu schaffen sind. Von Malvaglia aufs Rheinwaldhorn, um ein Beispiel zu nennen, sind über 3000 Höhenmeter zu bewältigen – mehr als von Zermatt aufs Matterhorn. Aber eben: In der ersten Blütezeit des Alpinismus gilt die Südschweiz als bergsteigerisch unattraktiv, als bestenfalls zweitrangiges Tourengebiet oder meteorologische Notlösung im Schatten berühmter Destinationen wie Chamonix, Zermatt oder Grindelwald.

Von Neugier getrieben, finden sich bald auch erste Besucher aus der Deutschschweiz in der Capanna Campo Tencia ein. Nicht wenige rümpfen dabei die Nase: Sie, die sich Holzhäuschen gewöhnt sind, monieren etwa die Kälte des Steinbaus. Schliesslich hat der SAC bis dahin noch nie eine Hütte mit Bruchsteinmauern gebaut. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wissen kann: Die Bauweise der Capanna Campo Tencia wird Epoche machen und unter der Bezeichnung «Heimatstil» den Schweizer Hüttenbau während rund 60 Jahren nachhaltig prägen.

Auch die Zahlen geben den Erbauern recht: Bereits im ersten Jahr werden 500 Übernachtungen gezählt, im Jahr darauf folgt schon eine Erweiterung des Platzangebots. Nicht verwunderlich also, dass dieser Erfolg eine gewisse Dynamik auslöst, vor allem unter einheimischen Klubisten. 1916, mitten im Krieg, folgt eine zweite Hütte, die Capanna Cadlimo in der oberen Leventina, 1917 dann die Corno-Gries beim Nufenenpass, 1919 eine Hütte auf dem Camoghè, zwischen Lugano und Bellinzona, im gleichen Jahr eine auf dem Monte Tamaro, zwischen Lugano und Locarno. 1925 umfasst das touristische Angebot neun Hütten. Gemessen an der Kantonsfläche ist dies allerdings nach wie vor sehr bescheiden.

In einheimischer Hand

Man könnte meinen, der Hüttenbau sei in der Folge weitgehend eingeschlafen. Denn neun Hütten zählt der SAC im Tessin bis heute. Doch das ist bloss ein Bruchteil der Wahrheit. Zwischen San Gottardo und Chiasso, zwischen Greina und Brissago erwähnt der aktuelle Führer «Capanne e Rifugi del Ticino e della Mesolcina» stolze 71 Hütten – und darüber hinaus 62 Unterkünfte mit bescheidenerem Ausbaustandard, sogenannte Rifugi. Nur gehören sie nicht dem SAC. Unter den Eigentümern finden sich vielmehr regionale Bergsteigerklubs sowie kleinere Vereine, die manchmal im Bau und in der Bewirtschaftung einer Hütte ihren Hauptzweck sehen. Die meisten dieser Organisationen sind im Dachverband der Federazione Alpinistica Ticinese zusammengeschlossen, die insgesamt 8000 Mitglieder umfasst.

Daneben engagieren sich viele Patriziati (Korporationen) und Alpgenossenschaften im Hüttenwesen – um nicht mehr genutzte Alpgebäude vor dem Zerfall zu retten und dem alpinen Tourismus anzudienen. Allein das Patriziato von Lodrino, einer Gemeinde zwischen Biasca und Bellinzona, hat in seinem so weitläufigen wie unwegsamen Tal ganze neun Hütten und Rifugi instand gestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, das Patriziato von Personico in der Leventina deren acht. Wie gut die Hütten vor Ort verankert sind, zeigt ein Blick in die Eigentumsverhältnisse. Während etwa im Wallis rund 60 Prozent, im Kanton Uri gar 75 Prozent der Hütten ausserkantonalen SAC-Sektionen gehören, befinden sich im Tessin – bis auf eine einzige Ausnahme, die Capanna Cadlimo – sämtliche Hütten in einheimischer Hand. Das erleichtert einerseits die Zusammenarbeit der Hüttenwarte. Und fördert andererseits eine starke emotionale Bindung zwischen den Vereinsmitgliedern und ihren Hütten, weshalb sie sich umso engagierter zur Verfügung stellen, wenn es um die Bewartung und um Unterhaltsarbeiten im Frondienst geht.

Alle fünf mal fünf Kilometer eine Berghütte: Kein anderer Kanton der Schweiz kann eine vergleichbare Dichte vorweisen. Inzwischen gibt es kaum ein Seitental, das nicht durch mindestens vier Wände und ein Dach erschlossen wäre. Allein im näheren Umkreis des Pizzo Campo Tencia stehen dem Besucher mittlerweile sechs Berghütten zur Verfügung. Es ist aber nicht nur diese hohe Dichte, die schweizweit einzigartig ist. Es ist auch die Qualität der Hütten, die über den Landesdurchschnitt herausragt. Das Spektrum umfasst mehrere Hütten mit hochstehender Küche, viel Komfort, kleinen Zimmern, Daunendecken, manchmal auch Duschen und Stromanschluss – Hütten, die den Vergleich mit Gasthäusern nicht zu scheuen brauchen und oft eine innovative Ästhetik aufweisen, an der sich die Handschrift einer neuen Generation von Architekten ablesen lässt. Zu dieser Kategorie gehören etwa die SAC-Hütten Cristallina, Motterascio, Campo Tencia und Corno-Gries.

Die Hütte als Wanderziel

Doch nebst solchen Berghütten der gehobenen Kategorie findet man im Tessin vor allem kleine, aus früheren Alpgebäuden entstandene Unterkünfte mit Platz für ein bis zwei Dutzend Besucher. Zweckmässig einfach, aber mit viel Liebe zum Detail eingerichtet und meist unbewartet, bieten diese kleinen Bijoux alles, was man für einen angenehmen Aufenthalt benötigt. Heizofen mit Brennmaterial, vielleicht auch ein offenes Cheminée, Kochherd, Töpfe, Geschirr und Besteck sowie bequeme Betten mit Woll- oder gar Daunendecken – alles ist vorhanden. Ebenso eine gut sortierte Getränkeauswahl nach dem Selbstbedienungsprinzip, Bier und Wein inbegriffen. Wer etwas konsumiert, wirft den geschuldeten Betrag in die Hüttenkasse oder nimmt einen Einzahlungsschein mit. Das System funktioniert seit über zwanzig Jahren, was auf eine redliche Zahlungsmoral schliessen lässt. Es funktioniert so gut, dass es mittlerweile auch in anderen Regionen der Schweiz Schule gemacht hat.

Die Internetforen beweisen es: Berghütten dienen nicht mehr als reine Ausgangspunkte für Bergtouren, sondern sind längst zum eigenständigen Wanderziel avanciert. Das gilt ganz besonders für das Tessin. Ob die Festgemeinde, die sich am 10. August 1912 am Fuss des Pizzo Campo Tencia einfand, eine derartige Entwicklung ahnen konnte?

Ein Jahrhundert später wird am Pizzo Campo Tencia erneut gefeiert. Das Jubiläum gilt der ersten Tessiner Hütte, aber auch den hundert Jahren kluger Erschliessung eines faszinierenden Gebirgskantons. Eine Erschliessung, die sich ihrer Traditionen nach wie vor bewusst ist. Und deshalb wird Hüttenwart Franco Demarchi auch heuer seine weitum bekannte Spezialität auftischen: Gnocchi Campo Tencia.

Das Jubiläum der Capanna Campo Tencia

vom. Zum 100-Jahr-Jubiläum sind mehrere Anlässe geplant. Die Geburtstagsfeier etwa findet am 11./12. August statt, mit dem bekannten Männerchor «I Cantori delle Cime» und der Tessiner Guggenmusik «Spacatimpan». Für den 2. September ist eine besondere Besteigung des Pizzo Campo Tencia geplant: Auf verschiedenen Routen werden Alpinisten aufsteigen und die Einzelteile eines Gipfelkreuzes hochtragen, das dann vor Ort zusammengesetzt und aufgestellt wird. Von besonderem Interesse wird auch die Eröffnung dreier neuer Routen im Einzugsgebiet der Hütte sein: die Cresta dei Corni al Campo Tencia, eine alpintechnisch anspruchsvolle und teilweise gesicherte Gratüberschreitung im Schwierigkeitsbereich T6/WS; eine neue Verbindung zur Capanna Leit (T4) und ein Lehrpfad ab Dalpe mit Informationstafeln auf Italienisch und Deutsch (T2). Anfang Sommer soll auch ein reich illustriertes Büchlein mit Texten auf Italienisch und Deutsch erscheinen. Informationen unter www.campotencia.ch und www.casticino.ch .

Literatur: Massimo Gabuzzi: Capanne e rifugi del Ticino e della Mesolcina, Salvioni Edizioni 2004; deutsche Ausgabe: Hütten und Rifugi im Tessin und Misox, 2005. – Remo Kundert / Marco Volken: Hütten der Schweizer Alpen, SAC-Verlag 2011.


Leserkommentare

Anzeige: