Wildschweine und Elche im tiefen Wald

Wo Kaiser und Könige jagten, können sich heute Touristen an die Spuren der Wildtiere heften: in den Waldferien im Osten von Polen.

Idylle mit winterlichem Zuckerguss: Auch Nicht-Wildtiere wie diese Pferde auf einer verschneiten Weide trifft man an.

Idylle mit winterlichem Zuckerguss: Auch Nicht-Wildtiere wie diese Pferde auf einer verschneiten Weide trifft man an.
Bild: Keystone

Spätestens auf dem Weg in die ostpolnische Stadt Bialystok wird klar, dass hier keine gewöhnliche Reisegruppe unterwegs ist. Was bis vor kurzem noch eine für diese Gegend typische Allee war, wird offensichtlich zu einer mehrspurigen Autostrasse ausgebaut. Über mehrere Kilometer ist die Landstrasse beidseitig von gefällten Linden gesäumt. Ihr Anblick löst Entsetzen und Unmut bei den Reisenden aus, andächtig geschüttelte Köpfe drücken stummes Unverständnis aus, und irgendwo im Bus fällt das M-Wort: «Mörder».

Bäume liegen diesen Reisenden, die meisten davon in ihrer zweiten Lebenshälfte, nun einmal sehr am Herzen. Am liebsten in grosser Zahl als Wald mit vielen Tieren darin. Dafür nehmen sie auch den Weg bis in die Nordostecke Polens auf sich.

Für fünf Tage und ebenso viele Nächte quartieren wir uns im ehemaligen königlichen Forsthaus nahe dem Dorf Zytkiejmy ein, am Rande eines riesigen, bis weit in die russische Enklave Königsberg reichenden Waldes. Die Zimmer bieten sehr viel Platz mit wenig Komfort und verströmen mit ihrer in die Jahre gekommenen originalen Ostblockmöblierung geradezu Bilderbuch-Ostalgie, für die in einschlägigen Hotels im fernen Berlin bestimmt jemand ordentlich Geld hinblättern würde. Unbezahlbar und in keiner Grossstadt zu haben ist hingegen die Herzlichkeit, mit der uns die Gastgeber- und Försterfamilie Krajewski in ihrem Zuhause empfängt und bewirtet.

Lebendiges Stillleben

Und angereist sind wir ja der Natur wegen. Jeweils zu zweit werden wir am späten Nachmittag, dick gegen die tiefen Temperaturen eingepackt, auf einen Hochsitz tief im Wald gebracht. Mit Feldstechern und Kameras legen wir uns rund acht Meter über dem Waldboden auf die Lauer. Da schon das kleinste Geräusch die Wildtiere vertreibt, sind wir mit Nachdruck zum Stillsein angehalten. Das vorübergehende Schweigegelübde einzuhalten, fällt in den ersten Minuten schwer, bald hält jedoch die Dunkelheit im Hochsitz Einzug und mit ihr die Ruhe.

Durch die Öffnung in der Holzwand blicken wir gebannt auf die Waldlichtung, die Kälte lässt die Szenerie langsam gefrieren, die Dämmerung entzieht ihr nach und nach die Farben. Die Aussicht gerinnt vor unseren Augen zu einer Fotografie. Nichts scheint sich zu regen. Doch, da, zwischen den Bäumen. Zeigefinger schiessen hervor, das Schweigen wird leise unterbrochen: «Ein Elch!» Für ein paar Sekunden zeigt er sich, schreitet weiter und verschwindet zwischen den Bäumen. Etwas später, das Zeitgefühl hat uns mittlerweile verlassen, zeigt sich eine Wildschweinfamilie auf der Lichtung, sieben Stück, und labt sich am bereitgelegten Futter. Erst als Förster Krajewski mit seinem Geländewagen vorfährt, um uns zurück in die Zivilisation zu holen, fliehen sie.

Geschichte und Geschichten

Nach gut eineinhalb Stunden im winterlichen Wald kommt uns die köstliche polnische Hausfrauenkost dann wie gerufen. Aufgetischt wird Suppe, gefolgt von verschiedenen Fleischgerichten, Gemüse und Salzkartoffeln, und hinterher gibt es mehrere Kuchen, von allem reichlich, alles selbst gemacht und derart lecker, dass man es einfach probieren muss und anschliessend erneut zulangt. Das nennt sich übrigens «kleine Vesper». Genauso rasch wie an die anfangs seltsamen Zimmer gewöhnt man sich auch an die üppigen Mahlzeiten. Beim Essen tauscht man sich aus, welche Tiere man gesehen hat, um den Elch werden wir von allen Seiten beneidet. Jenes Tier aber, das alle so gerne sehen würden, lässt sich weder blicken noch hören: Vom Wolf erhaschen wir einzig Spuren im Schnee.

Dies ist auch eine Reise der Geschichten. Georg von Graefe, Forstingenieur und Waldreiseveranstalter, verkürzt die Busfahrten, indem er aus Siegfried Lenz’ «Masurische Geschichten» vorliest, zum Wohlgefallen seiner Gäste. Naturschutzförster Jarek Krajewski, der Sohn des Hauses, erzählt uns auf einer Waldlichtung, wie Kaiser Wilhelm II. just an dieser Stelle anno 1903 einen Hirsch erlegt hat, wofür er ein Dutzend Pirschgänge brauchte. Anders als seine adeligen Vorfahren und Zeitgenossen liess er sich das Wild nicht von Untertanen vor die Flinte treiben. Die Rominter Heide war schon immer ein begehrtes Revier, Könige, Kaiser, Nazi- und Kommunistengrössen schmückten sich gerne mit hiesigen Jagdtrophäen.

Auch tragische Geschichten bekommen wir zu hören, etwa jene von Hans Paukstadt. Der einstige Förster und Hausherr unserer Unterkunft hat sich 1936 das Leben genommen, nachdem ihm die Nationalsozialisten seine beiden behinderten Kinder weggenommen hatten. Mit Laternen besuchen wir sein Grab unweit des Forsthauses und zünden im Gedenken an das dunkelste Kapitel des vergangenen Jahrhunderts, das dieses Land und diesen Landstrich hart getroffen hat, Kerzen an.

Den Auftakt und den Abschluss unserer Reise in die Natur bildet Kultur. In Warschau lauschen wir am ersten Tag, als alle Teilnehmer noch etwas scheu und steif sind, gebannt einem Privatkonzert des in Polen bekannten Pianisten Maciej Poliszewski, der natürlich Chopin spielt. In Vilnius besuchen wir am letzten Tag vor dem Heimflug die Philharmonie und lassen uns als fast schon familiär zusammengewachsenes Trüppchen von Prokofjew und Chatschaturjan begeistern und mitreissen.

Wärme in der Kälte

Zuvor steht noch ein Besuch beim Naturfotografen und Lebenskünstler Pjotr Malezewski an. Für Wärme sorgt nicht nur seine Rauchsauna, welche die Mutigsten unter uns besuchen und als «Genuss pur!» betiteln, auch die Diashow seiner sommerlichen Naturfotos, darunter eindrückliche Luftbilder und Tieraufnahmen, lassen uns die garstige Kälte vergessen. Einige spielen laut mit dem Gedanken, Masuren einmal auch im Sommer zu besuchen. Allerdings müsste man dann, und das wäre bedauerlich, auf Pferdeschlittenfahrten durch den verschneiten Wald verzichten, ebenso auf winterliche Lagerfeuer mit leckerem Essen. Und wenn die Arbeitspferde durch den Wald stapfen und in der kalten Luft dampfen, wenn die Glöckchen an ihrem Zaumzeug bimmeln, fühlt man sich in «Drei Nüsse für Aschenbrödel» versetzt. Ein Unmensch, wem es nicht warm ums Herz würde.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung von Silvatur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2010, 04:00 Uhr

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1 KOMMENTAR

Richard Lebeda

05.03.2010, 16:31 Uhr

lieber roger, gratulation zum schönen bericht. viele grüsse richard






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