Viele Grüsse von den Kanaren
Nicht schon wieder die braun gebrannten Typen. Unentwegt an ihren lächerlich knappen Badehöschen nestelnd, pfeifen sie jeder Señorita nach. Jeder. Der übergewichtigen Engländerin mit Sonnenbrand: Pfiff! Den bleichen deutschen Abiturientinnen, die verlegen unter ihren Strohhüten Schutz suchen: Pfiff! Der eben erst angekommenen Schweizerin, noch ehe diese ihr Strandtuch in den Sand legen konnte: Pfiff! Sie gehen mir auf den Wecker, treiben mich schier in den Wahnsinn – und das schon seit drei Tagen. Seit ich auf dem Aeropuerto de Gran Canaria gelandet bin.
Erste Warnsignale
Meine Mitreisenden applaudierten, nachdem der Kapitän mit seiner Maschine die Piste getroffen hatte. Da bereits hätte ich wissen müssen, was es geschlagen, wozu mich das Lastminute-Angebot verführt hatte: eine Woche in der Pauschaltourismus-Hölle, namentlich am Playa del Inglés, der «Strand der Engländer» heisst, wenngleich hier vornehmlich Deutsche Urlaub machen.
Vor dem Flughafen schwenkte eine Frau ein Täfelchen des Reiseveranstalters. In perfektem Berndeutsch wies sie uns an, das Coop-Märkli-Gepäck im Car zu verstauen. Auf der Fahrt zu den Unterkünften gab es Tipps: «Für die Männer gilt: Tragen Sie Ihr Portemonnaie nie in der Gesässtasche. Leider gibt es auch in Spanien Diebe, gerade an den Bushaltestellen. Und trinken Sie nie vom Wasserhahn! Kaufen Sie im Supermarkt – die gibt es hier überall – einen Fünfliterkanister und füllen Sie am Morgen den Inhalt in kleinere Fläschchen ab.»
Am Abend zur Pool-Polonaise
Mein Hotel ist ein Bettenbunker mit dem Grundriss eines Hufeisens. 700 Zimmer, 6 Bars, 2 Restaurants, 1 Disco. Abends animieren Animateure Alkoholisierte zu einer Pool-Polonaise: rechts ein kühles Blondes, links eine heisse Blondine. Anbaggern für Anfänger. «Das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht.»
Ich flüchte – und komme nicht weit. Überall stehen Zuhälter, die einen in ihre Bars oder Restaurants, auf ihre Party-Boote oder Disco-Touren lotsen wollen. Sie versprechen Welcome-Drinks, nackte Haut und ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Fuck Me, I’m Famous!» Richtig wütend macht mich erst die Dame vor der Pizzeria, die mit ihren Fingern einen essbaren Gegenstand formt, diesen zum Mund führt und, als glaubte sie noch weniger an ihr pantomimisches Talent als an meine Spanischkenntnisse, in Baby-Sprache fragt: «Du mjamm, mjamm?» Estoy cansado, vielen Dank, ich habe schon gegessen. Vorne an der Strandpromenade, was für ein Basar! Zwischen Tomatensalat und fritierter Seezunge lehnte ich gefälschte Sonnenbrillen ab. Vor dem Carajillo einen Chronografen und zur Zigarette ein Plüschzebra.
Hauptsache Betrunken
Seit dem Bauboom in den Siebzigern ist der Massentourismus in Playa del Inglés explosionsartig gestiegen. Symbolhaft der Krater im Dorfzentrum: Das Loch unweit der deutschsprachigen Kirche frisst allabendlich Horden vergnügungssüchtiger Urlauber. In der Unterwelt haben sie die Wahl zwischen Spielsalon, Fastfood, Diskothek und Irish Pub. Dort sorgt ein scharfzüngiger Brite mit einem Trinkspiel dafür, dass bald alle betrunken sind. Den Verlierern wird Schnaps in den Rachen geschüttet. Die Gewinner gröhlen und geben sich alle Mühe, bei der nächsten Runde zu den Verlierern zu gehören. «Das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht!»
So ist das auf Gran Canaria. Kölsch in Peters Strand-Arena, Erdbeer-Daiquiri in Oscars Tanz-Pub: sonnen und saufen. Innen Promille, aussen Après-Soleil.
Sollte ich vielleicht morgen besser einen Ausflug machen, dem Wahnwitz einen Sinn geben? Laut Prospekt bietet die Insel ja auch Vegetation. Und Las Palmas, einer der Hauptorte, soll eine pittoreske Altstadt haben. Ja, vielleicht . . .
Pfiff! Das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht. Pfiff! Pfiff! Pfiff! Pfiff!
Sie treiben mich nicht in den Wahnsinn, die braun gebrannten Beach-Balzer, sie treiben mich ins Meer. Das ist tiefblau und kühlt mein weich gekochtes Hirn, ich tauche ab, endlich Stille.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.07.2010, 20:35 Uhr





