Drohnenkind im Anflug

SCHARFGEZEICHNET ⋅
14. Januar 2018, 05:17
Tobias Hänni

Der Schulweg ist zur Kampfzone geworden. Auf der einen Seite des moralischen Minenfelds sitzen Eltern in gepanzerten Geländewagen, die um jeden Preis ihre Kinder vor den Gefahren schützen wollen, die am Wegesrand lauern. Und sie deshalb lieber Tag für Tag zur Schule fahren. Auf der andern Seite haben sich Schulleiter in abgedunkelten Sitzungszimmern verschanzt. Durch die Schlitze der geschlossenen Storen beobachten sie den Stossverkehr der Eltern­taxis, der die Schulareale in Todeszonen verwandelt.

Die Fronten zwischen den verfeindeten Lagern sind verhärtet. Im Kampf um die Sicherheit der Kinder wird zu immer drastischeren Mitteln gegriffen. Die Schulen setzen auf psychologische Kriegsführung und treiben die gesellschaftliche Ächtung der Taxi-­Eltern mit Propagandaplakaten voran. An einer Wiler Schule setzte die Staatsgewalt im De­- zember gar auf rohe Abschreckung: Polizisten marschierten vor dem Schulhaus auf, beobachteten die Situation, führten Kontrollen durch.

Kampferprobte Helikoptereltern haben ihre Taktik längst an die Schikanen angepasst. Dem Vernehmen nach setzen sie auf modernste Kriegstech­nologie: Die Kinder werden mit einer Drohne zum Unterricht geflogen. Gegenüber dem bisherigen Transport der Sprösslinge haben die fliegenden Dinger entscheidende Vorteile: Sie eignen sich dank Kamera ausgezeichnet zur gleichzeitigen Überwachung des feindlichen Territoriums. Die Eltern können durchs Schulzimmerfenster den Unterricht observieren und aus luftiger Höhe das Geschehen auf dem Pausenplatz verfolgen. Und im Notfall Sohnemann oder Töchterchen jederzeit aus der Gefahrenzone evakuieren.

Tobias Hänni

tobias.haenni@ostschweiz-am-sonntag.ch


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