«Wir brauchen den Müssiggang»
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 08.03.2010
«Ich habe am Fenster gesessen und rausgeschaut. Dann beginnt das Denken und Fühlen»: Miriam Meckel. (Bild: Keystone)
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Sie haben nach Ihrem Burnout einen sehr privaten Brief an Ihr Leben geschrieben und machen ihn nun als Buch allen zugänglich. Warum?
Der Text ist nicht als Buchidee entstanden. Ich habe ihn geschrieben, um die Erfahrungen mit meiner Erkrankung zu ordnen und zu verarbeiten.
Weshalb veröffentlichen Sie ihn?
Da gibt es zwei Motive: Zum einen ist dieser Text für mich eine Art Lebensversicherung. Das klare Bekenntnis zu dieser Erkrankung hilft mir, nicht wieder in alte Muster zurückzufallen, die Ursache meiner Krankheit gewesen sind. Zum anderen kann ich mir vorstellen, dass das Buch doch beim einen oder anderen Leser Erleichterung hervorruft: Ich bin mit dieser Diagnose nicht allein. Es gibt einen Weg da raus.
Sie publizieren ein Buch, weil Sie sich selbst nicht über den Weg trauen?
Ich kenne heute meine Schwachpunkte. Mein Körper sendet mir bei zu starker Belastung Signale, die ich ernst nehme. Das ist nicht leicht, aber notwendig. Ich arbeite nach wie vor mit viel Leidenschaft und Spass und stosse gerne neue Themen an. Da fällt es einem zuweilen schwer, sich Grenzen zu setzen. Mein Buch erinnert mich daran, zugunsten meiner Gesundheit zwischendurch auch auf Dinge zu verzichten, die ich gerne mache.
Ein Buch zu veröffentlichen, bedeutet Termine und Stress. Rennen Sie so nicht ins nächste Burnout?
Schreiben heisst Nachdenken, und dafür nehme ich mir heute viel mehr Zeit. Gefährlich wird es für mich, wenn ich ständig reisen muss und von Kommunikationsanforderungen überrollt werde. Daher verzichte ich vorerst zum Beispiel auf eine Lesereise. Nach dem Erscheinen des Buchs verschwinde ich für ein halbes Jahr nach Harvard, um mich in Ruhe der Forschung zu widmen.
Macht ein Burnout interessant?
Das Burnout gehört zur Leistungsgesellschaft wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie – so unbedarft wird die Krankheit zuweilen in der öffentlichen Diskussion behandelt. Dabei ist es mehr als eine Stress-als-Lifestyle-Anmutung und mehr als eine Zeitgeist-Erkrankung. Ich muss sagen: Ich will das wirklich nie wieder erleben.
Wie erlebten Sie denn Ihr Burnout?
Über Monate fühlte ich mich zusehends schwächer, konnte mich nicht konzentrieren. Oft war ich so erschöpft und müde, dass ich nur schlafen wollte. Zudem hatte ich immer wieder wahnsinnige Bauchschmerzen, mir war übel, und ich musste mich übergeben. Zuerst dachte ich, dass ich überarbeitet sei. Doch auch nach einem längeren Urlaub ging es mir nicht besser.
Wann kam der Zusammenbruch?
Nachdem ich in den USA eine Konferenz besucht und im Anschluss in Berlin eine Veranstaltung moderiert hatte. Ich wollte meine Koffer für die Rückreise packen, aber es ging nicht. Ich bekam Schweissausbrüche und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ich eine banale Situation nicht bewältigen konnte.
Der Arzt diagnostizierte ein Burnout.
Glücklicherweise benutzte er nicht diesen schrecklichen englischen Begriff. Er sprach von einem sehr starken Erschöpfungssyndrom, verbunden mit einer Infektion meiner Magenschleimhäute, die auch meinen Stoffwechsel angriff...
...und so schrieb er Sie sofort krank.
Für zwei Wochen, ja. Länger wollte ich nicht. Auch das ist typisch für diese Erschöpfung, dass man immer noch glaubt, irgendwie weitermachen zu müssen. Ich habe in dem Semester noch die Vorlesungen an der Uni geschafft. Aber mir war klar, dass ich jetzt Hilfe brauchte.
Diese bekamen Sie in einer Klinik im Allgäu. Doch welch vollgestopftes Programm erwartete Sie da!
Ich glaube, man darf einen Menschen nicht aus voller Geschwindigkeit total ausbremsen. Deshalb gab es auch in der Klinik einen Terminplan. Arztbesuche, Akupunktur, Massagen, Gespräche, das alles gehörte dazu. Manchmal ist es mir tatsächlich zu viel geworden, dann habe ich mich ausgeklinkt.
Wiederholte da die Klinik nicht den alltäglichen Terminwahnsinn?
Was zählt, ist Regelmässigkeit – beim Schlafen, Essen und den Ruhepausen. Für mich waren die Termine wie ein Gerüst in einem völlig neuen Umfeld. Aber ich musste mich schon erst langsam daran gewöhnen.
Um Sie zu fordern, reichte es auch, Handy und Laptop wegzusperren.
Eine wichtige Erfahrung. Bei diesem kommunikativen Stubenarrest, den sogenannten Inaktivitätstagen, blieb ich ein ganzes Wochenende auf meinem Zimmer. Keine Gespräche und keine Bücher, keine Musik, kein TV, kein SMS und keine E-Mail. Ich habe am Fenster gesessen und rausgeschaut. Dann beginnt das Denken und Fühlen.
Was brachte die Erfahrung?
Heute bin ich an faulen Sonntagen zu Hause in St. Gallen nicht mehr permanent online. Klar ist es verlockend, zwischendurch einen Beitrag auf Facebook zu posten oder eine E-Mail zu schreiben. Da wartet ja eine Instant-Gratifikation, jemand reagiert vielleicht. Aber so unterbreche ich mich permanent selbst. Oder ich versuche, alles gleichzeitig zu tun. Dabei ist das menschliche Gehirn gar nicht multitaskingfähig.
Macht man alles nacheinander, vergisst man die Hälfte.
Nicht wenn man das Erinnern übt. Notfalls gibt es To-do-Listen.
Dinge erledigen und dick durchstreichen schafft Befriedigung.
Zumindest kurzfristig. Meine To-do-Listen entstanden vor dem Burnout oft aus einer Unruhe, aus dem ständigen Gefühl, dass es noch tausend andere Dinge gibt, die ich machen müsste. So habe ich To-do-Listen geschrieben, während ich eigentlich einem Vortrag folgen wollte. Irgendwann macht man dann auch Listen für Selbstverständliches: Aufstehen, duschen, Tee trinken, nur um nachher etwas wegstreichen zu können.
Dennoch bleibt Burnout eine Diagnose für Gewinner. Nur Verlierer werden depressiv.
So wird die Erkrankung kommuniziert: Das Burnout als eine gesellschaftlich akzeptierte Edelvariante von Depression, Erschöpfung und körperlicher Erkrankung. Leider wird es wohl auch in Zukunft keinen Firmenchef und Verwaltungsrat geben, der offen zugibt, dass er an einem Burnout leidet.
Wieviele Manager haben Sie denn in der Klinik im Allgäu getroffen?
Ich habe Menschen aus allen Berufsfeldern und Gesellschaftsschichten getroffen – auch aus den obersten Kaderpositionen. Die Manager tauchen unter falschem Namen auf, lassen sich inkognito behandeln, um öffentlich nicht als krank wahrgenommen zu werden.
Macht Sie das wütend?
Unsere Gesellschaft geht oft scheinheilig mit diesen Problemen um. Da laufen oberste Führungskräfte weinend aus Sitzungen, brechen zusammen und fallen für mehrere Monate aus. Sie werden aber nicht wegen eines Burnout krankgeschrieben – da ist dann von physiologischer Erkrankung die Rede. Lieber ein komplizierter Beinbruch als Überforderung. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation schon 2007 davor gewarnt, dass Stress und Burnout in industrialisierten Ländern zum Kostenfaktor Nummer eins werden könnten.
Ein Geschäft für die Pillenindustrie.
Nicht nur. Es werden zwar haufenweise Pillen geschluckt. Laut einer aktuellen Studie nehmen zum Beispiel 800'000 Deutsche regelmässig Medikamente zur Leistungssteigerung. Irgendwann brechen sie dann doch zusammen und fallen umso länger aus. Da ist es für den Arbeitgeber günstiger, sich gleich um ihr Wohlergehen zu kümmern.
Ist dies nicht der Preis unserer Erfolgsgesellschaft?
Menschen sollen nicht bloss funktionieren. Sie sollen leben. Perfektion und Erfolgsstreben sind oft nichts anders als die Erfüllung selbst- und von aussen auferlegter Zwänge...
...sagt die Perfektionistin.
Ich bin nicht mehr so perfekt und pflegeleicht wie früher. Ich habe gelegentlich auf den Schleudergang umgestellt. Dann geht es etwas rauer zu. Ich stelle Fragen, ziehe in Zweifel und wehre auch mal Arbeit ab, die bei mir abgeladen werden soll. Ich muss für meinen Beruf ja im Wesentlichen kreativ sein. Aber die Ideen kommen nicht vom 18-Stunden-Arbeitstag. Wir brauchen den Müssiggang. Nicht ohne Grund geben die innovativsten Unternehmen der Welt – Google, 3M – ihren Angestellten Freiheiten. Da darf man auch mal in der Hängematte liegen und nachdenken.
Wer hat schon den Mut dazu?
Klar, es ist nicht leicht abzuschalten, sich der Informationsflut zu widersetzen. Selbst beim Abendessen mit Familie oder Freunden ist man durch mobile E-Mails noch mit dem Büro verbunden. Aus der Angst, abgekoppelt zu werden von den wichtigen Informationsströmen und sozialen Kontakten im Berufsleben, klinken wir uns nicht aus. Seit meinem Burnout bin ich mir jedoch bewusster denn je: Wir brauchen Filter, Inseln in der Informationsflut.
Und das ständige Reisen? Ist die globale Nomadin doch noch sesshaft geworden?
Ich verstehe mein Leben heute weniger als logistische Herausforderung. So verbringe ich mindestens jedes zweite Wochenende in St. Gallen.
Damit bleibt Ihr Zuhause aber doch ein Wäscheumschlagplatz?
Nein. Heute weiss ich, dass in St. Gallen meine Wurzeln sind. Ich reise zwar immer noch regelmässig nach Berlin zu meiner Lebenspartnerin. Sonst fahre ich aber viel öfter Zug oder versuche, das stressige Reisen weitgehend zu vermeiden. Wichtig ist aber auch die Haltung: Ich versuche, das Reisen nicht mehr einfach als Mittel zum Zweck zu betrachten, sondern als Weg an sich. So gelingt es mir, mich darauf zu freuen, dass ich unterwegs eine neue Brahms-Einspielung hören oder ein Buch lesen kann. Der Weg ist dann das Ziel.
Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt Verlag, Hamburg 2010, 224. S., ca. 34 Fr.
Mit Miriam Meckel sprach Judith Wittwer in St. Gallen
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.03.2010, 10:38 Uhr





