Der subtile Zauber des Alltäglichen

Als Jüdin musste sie aus Deutschland fliehen, dann war sie Kunsthändlerin in Zürich: Die Fotostiftung Schweiz zeigt erstmals umfassend Marianne Breslauers fotografisches Werk.

1/8 Ruth von Morgen, Berlin, 1934
Foto: Fotostiftung.ch

Marianne Breslauer: Ruth von Morgen, Berlin 1934.

Marianne Breslauer: Ruth von Morgen, Berlin 1934. (Bild: Marianne Breslauer (Fotostiftung Schweiz))

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Ausstellung bis 30. Mai.
Katalog 88 Fr. Marianne Feilchenfeldt Breslauer: Bilder meines Lebens. Erinnerungen. Nimbus, Wädenswil 2009. 231 S., 30 Fotos, ca. 42 Fr.

Die junge Frau kehrt dem Betrachter den nackten Rücken zu und dreht den Kopf zur Seite; gerade so, dass man ihr ebenmässiges Gesicht im Profil sehen kann. Das Sonnenlicht spiegelt sich in ihrem kurz geschnittenen Haar, zeichnet ein abstraktes Muster zwischen die zarten Schulterblätter. Zu wärmen vermag es sie allerdings nicht: Eine feine Gänsehaut überzieht den jungen Körper vom Nacken abwärts – und überträgt sich nach und nach auf den Betrachter.

Als die Berliner Fotografin Marianne Breslauer (1909–2002) im Jahr 1934 ihre Freundin Ruth mit der Kamera festhielt, mag sie bereits gewusst haben, dass ihr da ein hochästhetisches Bild gelungen war. Was sie jedoch nicht ahnte, war, dass damit auch ein Zeitdokument von allegorischer Kraft entstand: Die Fünfundzwanzigjährige hatte hier nicht nur den Typus der «neuen» Frau abgebildet, die sich als reizvolle Mischung aus Grossstadt-Amazone und lasziver Femme Fatale selbstbewusst in Szene setzt. Sie hatte vor allem auch ein Sinnbild ihrer deutschen Heimat geschaffen, die in den darauffolgenden Jahren dem Licht den Rücken kehren sollte.

Marianne Breslauer musste ins Exil, nach Holland, dann in die Schweiz, wo sie bald die Kamera an den Nagel hängte, um sich dem Kunsthandel zu widmen. In Zürich betrieb sie unter ihrem Ehenamen Marianne Feilchenfeldt eine Kunsthandlung. Zehn Jahre nur hatte sie als Fotografin gearbeitet. Allerdings fiel diese kurze Karriere just in jenes Jahrzehnt, in dem die Fotografie von der Nachahmung der Malerei abliess und sich zu einem künstlerischen Medium mit ureigener Bildsprache entwickelte.

Übersehene Realität

Wie so vieles damals nahm dieser Wandel in Paris seinen Anfang, und wie so viele zog es auch die junge Fotografin nach ihrer Ausbildung in die französische Metropole, wo der grosse Man Ray sie ermunterte, sich von ihrer gestalterischen Experimentierfreude zu innovativen Bildformen führen zu lassen.

Breslauer variierte in der Folge vor allem ihre Sujets: So hielt die feine Gesellschaft ebenso Einzug in ihr Werk wie die Clochards an den Ufern der Seine, das grossstädtische Treiben ebenso wie intime Momente jenseits der urbanen Hektik. Dabei faszinierte sie stets der subtile Zauber des Alltäglichen: «Interessiert hat mich», so Breslauer einst selbst, «nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der grossen Masse unbeachtete Realität.»

Das kleine, aber originelle `uvre hatte nach Breslauers Emigration jahrzehntelang seiner Wiederentdeckung geharrt. Die neue Nationalgalerie in Berlin stellte das Werk 1989 aus. Auch die zahlreichen illustren Bekanntschaften der mittlerweile Achtzigjährigen – sie war etwa mit Annemarie Schwarzenbach befreundet und kannte Marlene Dietrich, noch bevor diese ein grosser Star wurde – trugen dazu bei, ihren Werken eine attraktive Aura zu verleihen. Sehenswert sind sie freilich auch ohne das Wissen um diese prominente Entourage. Gelegenheit dazu bietet nun die Fotostiftung Schweiz in Winterthur, die, seit 2003 für den Nachlass der Wahlzürcherin verantwortlich, ihr die erste umfassende Retrospektive widmet. Neben einer Vielzahl von Originalabzügen ermöglichen bisher nicht gezeigte Privatalben sowie zwei kurze Dokumentarfilme vertiefte Einblicke in Leben und Werk der charismatischen Künstlerin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 16:55 Uhr

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