Schnitzeljagd 2.0: Alarm bei Freundkontakt
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Zwölf Jahre ist es her, dass ein Skandal die Telecombranche erschütterte. Die Benutzer von Mobiltelefonen wurden gewahr, dass die Freiheit der ständigen Erreichbarkeit ihren Preis hat. Die Mobilfunkbetreiber räumten ein, dass sie die Position jedes Mobilfunkteilnehmers kennen und diese Daten speichern. Die Rede war von eigentlichen Bewegungsprofilen. Ein datenschützerischer Albtraum.
Derlei Bedenken plagen die Web-2.0-Generation nicht mehr. Sie erstellt fröhlich Bewegungsprofile gleich selbst und stellt diese ins Internet. In den letzten Monaten tauchten standortbezogene Dienste auf, englisch «Location Based Services» genannt. Sie laufen als App auf dem iPhone, auf Blackberrys oder Android-Telefonen, ermitteln via GPS die Position des Inhabers und veröffentlichen sie im Internet. Man verabredet sich nicht mehr nur mit Freunden, sondern trifft, wer gerade in der Nähe ist.
Die öffentliche Positionsangabe erfolgt in einer Web-Community. Auf der Website oder am Handy sieht man die Positionen von Freunden und Bekannten. Man trifft auch auf Unbekannte, die sich in den gleichen Kreisen bewegen wie man selbst.
Virtuelles Einchecken am Standort
Am weitesten geht Google mit dem Latitude-Dienst (www.google.com/latitude). Die Position wird automatisch veröffentlicht und aktualisiert. Normalerweise wird nur die aktuellste Position gespeichert. Es ist aber auch möglich, über «Standortverlauf» alle Bewegungen zu protokollieren. Über die «Google Standort-Alerts» kann man sich vom Dienst ausserdem per SMS oder Mail informieren lassen, wenn Freunde oder Bekannte an bestimmten Orten auftauchen - da ist es zum virtuellen Stalking nicht mehr weit. Als Anwender von Google Latitude kann man die Aktualisierung aussetzen oder auf die Angabe des Ortsnamens beschränken.
Die beiden Communities Gowalla und Foursquare überlassen hingegen dem Anwender, wann er seine Position öffentlich machen will. Dazu checkt man virtuell an seinem Standort ein. Das läuft so ab: Man startet die App auf dem Mobiltelefon. Es erscheint eine Liste der Orte im näheren Umkreis, wobei nicht einfach Adressen ausgewiesen werden, sondern Lokale, öffentliche Gebäude, grosse Unternehmen, Bahnhöfe, Pärke, Museen, Läden und Schulen - also Orte, die sich als Treffpunkt eignen.
Stempel im virtuellen Pass
Man wählt den passenden «spot» und tippt auf «Einchecken». In der App ist dann ersichtlich, wer am gleichen Ort eingecheckt ist und wer ihn vor kurzem besucht hat. Umgekehrt ist bei den Freunden ersichtlich, wo sie zuletzt eingecheckt haben. Sowohl Gowalla als auch Foursquare gehen spielerisch an die Sache heran. Indem man möglichst viele Orte besucht, bekommt man bei Gowalla Stempel in seinen virtuellen Pass.
Bei Foursquare gibt es für fleissiges Flanieren Auszeichnungen. Ausserdem kann man «Bürgermeister» eines Ortes werden, wenn man in häufiger besucht als die Mitstreiter. In Gowalla wiederum tut man sich als Gründer eines Ortes hervor. Und man sammelt Gegenstände. Letztere können an Orten deponiert oder gehortet werden. Wie beim Panini-Album mit den Fussballbildern ist das Ziel eine vollständige Kollektion. Das ist vor allem Zeitvertreib und eine Spielerei für Nerds und ihre iPhones, Android-Telefone und Blackberrys.
Stadtführung 2.0
Es gibt auch nützliche Einsatzmöglichkeiten. Bei Foursquare vergibt man Tipps zu Orten und hinterlässt späteren Besuchern auf diesem Weg Botschaften: Bei Restaurants könnte das ein Fingerzeig in Bezug auf das Angebot der Weinkarte sein oder eine Warnung, falls der Koch das Tagesgericht versalzen hat. Gowalla hält auch die «Trips» bereit. Vorgegebene Routen, die andere absolvieren dürfen. Populär sind der «London Pub Crawl» oder die «Central Park Highlights», aber natürlich darf man auch seine Lieblingsplätze in Zürich oder die Kneipentour durch Winterthur virtuell ausschildern. Gut möglich, dass daraus mittelfristig die eigentliche Daseinsberechtigung erwächst: als Fremdenführer, der aus der Community kam.
Lustig oder nützlich sind die Standortdienste dann, wenn viele Freunde und Bekannte mitmischen. Das finden beide Dienste automatisch heraus, wenn man ihnen Kontakt zu seinem Facebook- oder Twitter-Konto gewährt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2010, 10:03 Uhr
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