Neuer Vertrag spaltet Fiat-Arbeiter
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Ein Alfa Romeo aus Pomigliano d'Arco – das war jahrelang der Horror vieler Autohändler. Es gab Zeiten, da musste das Werk bei Neapel eine zusätzliche Kontrollrunde einbauen, damit nicht noch ein Sandwich oder ein Schraubenschlüssel im Kofferraum oder unter den Sitzen lag, wenn die Autos die Fabrikhalle verliessen. Ende der 60er-Jahre mit staatlichen Fördergeldern aus der «Cassa del Sud» gebaut und 1987 von Fiat übernommen, verkörperte Pomigliano alles Negative, was die italienische Industrie zu akkumulieren weiss.
Die Zeitung «La Repubblica» fasste die Lage dieser Tage mit diesen Worten zusammen: Die tiefste Produktivitäts- und die höchste Abwesenheitsrate, Letzteres vor allem freitags und wenn Napoli Fussball spielte. Dazu so viele Invalide wie sonst nirgends im Land, systematische Diebstähle und jene Mängel an den Neuwagen, welche die Verkäufer in den Wahnsinn trieben.
Es geht um 15'000 Arbeitsplätze
Doch dann kam Sergio Marchionne. 2004 rettete der Italo-Kanadier Fiat vor dem Konkurs und konnte sogar in Pomigliano einen gewissen Kulturwandel bewirken. Immer noch weniger effizient als andere Fiat-Werke, stimmte nun wenigstens die Qualität der produzierten Autos.
Doch dann kam die Krise, und die Autoverkäufe brachen ein – zumindest jene der Marke Alfa Romeo, die nicht von den Abwrackprämien in Deutschland oder Italien profitieren konnte. Seit fast zwei Jahren ist in Pomigliano d'Arco Kurzarbeit angesagt.
Und nun spielt sich dort, in einer der wirtschaftlich schwächsten Gegenden des Landes, ein dramatischer Kampf um die Zukunft des Werks ab. Es geht um die Lebensader einer ganzen Region – gut 5000 Arbeitsplätze im Werk selber und doppelt so viele im Zuliefererbereich. Und letztlich geht es auch um die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Italien. Jedenfalls laut Marchionne. «Wenn wir so weiterfahren, hat die industrielle Produktion in Italien keine Zukunft», sagte er kürzlich am Rande einer Veranstaltung in Mailand.
Im Rahmen der Strategie für die kommenden vier Jahre ist Fiat bereit, 700 Millionen Euro in das Werk in Pomigliano zu investieren und die Produktion des erfolgreichen Kleinwagens Panda von Polen dorthin zu verlegen. Doch diese Investition hat einen Preis: eine Produktivität und Flexibilität, wie sie in den brasilianischen und polnischen Fiat-Werken längst Realität ist. Konkret heisst das: eine zusätzliche Achtstundenschicht von Samstag auf Sonntag, kürzere Pausen, bis zu 120 Überstunden pro Jahr ohne gewerkschaftliche Bewilligung, keine Entschädigung bei auffällig hohen Abwesenheitsraten.
Dieses Angebot hat Marchionne den Gewerkschaften in einem Vertrag unterbreitet. Mit der zusätzlichen Bedingung, dass alle unterschreiben und dass gegen die Bestimmungen des Vertrags nicht gestreikt werden darf. Vier der fünf wichtigsten Gewerkschaften haben zähneknirschend unterschrieben. Nur die Fiom hat die Unterschrift verweigert, die Metallbausektion des grössten, aggressivsten italienischen Gewerkschaftsbundes CGIL. Sie bezichtigt Fiat der Erpressung und macht den Vertrag zu einer Grundsatzfrage. Das Streikverbot verstosse gegen die Verfassung, und der Vertrag höhle landesweit geltende Gesamtarbeitsverträge aus.
Vertrag spaltet die Linke
Pomigliano wird zur Zerreissprobe für die Gewerkschaften. Sogar Guglielmo Epifani, Generalsekretär des CGIL, lässt durchblicken, dass er sich eine versöhnlichere Haltung seiner Basis wünschte. Ebenso gespalten sind die linken Parteien. Die sogenannten Reformer wie Pierluigi Bersani, Sekretär des Partito Democratico, haben sich für den Vertrag ausgesprochen. Von einer «harten, aber unausweichlichen Lösung» spricht sein Vorvorgänger Walter Veltroni. Ganz anderer Ansicht ist hingegen Sergio Cofferati, der frühere Generalsekretär des CGIL und Bürgermeister von Bologna. Dieser Vertrag sei ein «Selbstmord der Gewerkschaften», sagte er in der «Repubblica».
Zu Spannungen kommt es auch unter der Belegschaft des Werks. Am Samstag haben rund 5000 Personen – mehrheitlich Fiat-Arbeiter mit ihren Familien – für den Vertrag demonstriert. «Ihr seid Diener der Bosse», hielt ihnen eine Hundertschaft von Gegnern auf Plakaten entgegen. Morgen Dienstag findet eine Urabstimmung unter den Angestellten des Werks statt. Die Fiom erachtet auch diese Abstimmung als illegal, will aber ihre Mitglieder nicht von der Teilnahme abhalten. Allgemein wird eine Zustimmung zum Vertrag erwartet. Je nach Höhe des Jas wird der Druck auf die Fiom sinken oder steigen, doch noch einzulenken.
Marchionne jedenfalls hat klar gemacht, dass die Investitionen nur bei einer eindeutigen Zustimmung fliessen. Bei der Sanierung von Chrysler habe er mit einer einzigen Gewerkschaft verhandeln können, in Italien müsse er sich hingegen gleich mit zehn oder noch mehr herumschlagen. So könne es nicht weitergehen, heizte er das Klima übers Wochenende zusätzlich an.
Für den Vertrag von Pomigliano hat sich auch die italienische Regierung ausgesprochen. Sie diskutiert dieser Tage gerade mal wieder Massnahmen, um das im internationalen Vergleich schlechte Investitionsklima im Land zu verbessern. Mehr als neue Gesetze bräuchte es in Italien allerdings einen Mentalitätswandel in der Arbeitswelt. Einen, wie er in Pomigliano d'Arco zur Debatte steht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.06.2010, 22:10 Uhr








