Willkommen im verrückten Autoland

China ist der grösste Automarkt der Welt. Jede Woche werden 13'000 neue Wagen zugelassen. Damit steigt auch die Zahl der Verkehrstoten.

Immer mehr Verkehr: Strasse in Shanghai.

Immer mehr Verkehr: Strasse in Shanghai.
Bild: afp

Es ist seine erste Fahrt im eigenen Auto. Li Qiang ist nervös. Im Wagen riecht es nach Plastik. Die Armaturen sind noch ungewohnt. Wenigstens kennt er den Weg, denn er hat schon vor Wochen entschieden, wohin es gehen soll. Um sieben Uhr abends an diesem Dienstag rollt Li auf den Hof seiner Firma im Pekinger Vorort Shunyi. Mehrere Arbeitskollegen laufen auf den schwarzen Kleinwagen der Marke Lingyue zu, noch bevor Li aussteigen kann. Sie lachen. Sie klopfen auf die Motorhaube, so wie man einem Pferd den Hals tätschelt, dessen Besitzer gerade abgestiegen ist. Sie haben auf ihn gewartet. Einer überreicht Li eine Liste mit zwölf Namen. «Das sind die zwölf, die sich als Erste meinen Wagen ausleihen möchten», sagt Li.

Es ist eine Szene, wie sie sich in China derzeit täglich tausendfach, zehntausendfach abspielt. Am 11. Juli waren in Peking 4,39 Millionen Autos zugelassen. Das waren 13'000 mehr als eine Woche zuvor, wie das Verkehrsamt auf Anfrage mitteilt. 13'000 neue Autos allein auf den Strassen der Hauptstadt, nach Plastik und Gummi riechend – in einer einzigen Woche. 13'000 stolze Neuwagenbesitzer wie Li Qiang. Woche für Woche geht das so.

Der Traum seit der Schulzeit

«Seit meiner Schulzeit habe ich von einem eigenen Auto geträumt», sagt Li. Er ist 23 Jahre alt, hat gerade den Abschluss an der Universität gemacht. Seit kurzem arbeitet er in einer Firma, die Parkettböden verlegt. Die 78 000 chinesische Yuan, rund 12 200 Franken, die das Auto aus chinesischer Produktion gekostet hat, sind für Li viel Geld. Er hat kürzlich einen Bonus bekommen. Die Familie hat etwas zum Kauf beigesteuert. Dann hat es für die Anzahlung gereicht. «Den Rest zahle ich in Raten ab», sagt Li. Drei Jahre lang.

Willkommen im Autoland China. Das Fahrradland China ist Vergangenheit. Noch Mitte der 1980er-Jahre waren die Strassen Pekings ruhig; nur vereinzelte Kaderlimousinen bahnten sich hupend den Weg durch Schwärme von Radlern. Heute, zweieinhalb Jahrzehnte später, schlängeln sich auf denselben Strassen vereinzelte Velofahrer durch den Autostau. Und die Zahl der privaten Autobesitzer hat erst so richtig begonnen zu explodieren. Ende März 2010 gab es in ganz China 192 Millionen Fahrzeuge. Das waren knapp 5 Millionen mehr als bloss drei Monate zuvor Ende 2009.

Anderthalb Stunden brauchte Li Qiang früher jeden Morgen zur Arbeit, als er noch den Bus nehmen musste. Diese fürchterlichen, vollgequetschten Pekinger Busse! «Ständig bleiben die alten Dinger am Strassenrand liegen», sagt Li. Jetzt braucht er 30 Minuten zur Arbeit, den zähflüssigen Verkehr auf dem Vierten Ring schon eingerechnet. Abends steht er regelmässig im Stau. Und ist glücklich. «Jetzt, wo ich das Auto habe, wird es kein Problem mehr sein, eine Freundin zu finden», sagt er. Junggeselle ohne Auto? Keine Chance mehr auf dem Pekinger Heiratsmarkt.

Führerschein gegen Geld

Allerdings muss Li dazu bis zum Hochzeitstag überleben. Millionen von Anfängern sind auf Chinas Strassen unterwegs. Für den Führerschein wird in Fahrschulen ausserhalb der Stadt geübt. Aber die Prüfer sind bestechlich. Der Strassenverkehr in Peking erinnert an das traditionelle Stierrennen im spanischen Pamplona, jedenfalls aus der Perspektive der Fussgänger: Rette sich, wer kann. Ein ganzes Land voller Anfänger am Steuer. Niemand blinkt beim Wechseln der Fahrspur. Alle vertrauen auf eine Art Körpersprache. Mit einem Schwenker nach links oder rechts wird die eigene Absicht angedeutet. Wenn es sehr laut hupt, zieht man sich eben wieder zurück. Wird der Stau zu ärgerlich, geht es über den Bürgersteig weiter. Wer auf der Autobahn eine Ausfahrt verpasst, legt den Rückwärtsgang ein und setzt auf der rechten Spur in aller Ruhe zurück.

Bei der theoretischen Führerscheinprüfung müssen die Chinesen pro Frage eine von drei möglichen Antworten auswählen und ankreuzen. Die falschen Antworten lesen sich dabei wie eine akkurate Beschreibung dessen, was auf Chinas Strassen wirklich los ist. Zum Beispiel Frage Nummer 282: «Wenn Sie an einen Bahnübergang kommen, dann sollten Sie a) Gas geben und schnell darüberfahren, b) nur Gas geben, wenn Sie einen Zug kommen sehen, c) abbremsen und sich vergewissern, dass eine sichere Überquerung der Gleise möglich ist.»

Oder Frage Nummer 77: «Beim Überholen eines anderen Fahrzeuges sollte der Fahrer a) auf der linken Seite überholen, b) auf der rechten Seite überholen, c) wo auch immer, je nach Situation.» Hier ist interessanterweise die dritte und letzte Antwort korrekt. Allerdings spielt das in der Praxis kaum eine Rolle. Da wird selbstverständlich überall da überholt, wo sich auch nur die kleinste Lücke im Verkehrsfluss auftut.

Manchmal ist das alles komisch, manchmal auch nicht. Nirgendwo auf der Erde sterben so viele Menschen bei Autounfällen wie in China. 27'000 Unfalltote waren es der offiziellen Polizeistatistik zufolge in der ersten Hälfte dieses Jahres. 67'759 Tote waren es im vergangenen Jahr. Es ist, als würde pro Jahr die Bevölkerung einer ganzen Kleinstadt ausgerottet. Und das sind bloss die offiziellen Unfallzahlen, von denen in China jeder weiss, dass sie geschönt sind. Und dann die vielen Amputationen! Die Chirurgen in den Provinzspitälern machen Überstunden. Auch orthopädische Implantate, also künstliche Oberschenkelknochen und dergleichen, sind in China ein Wachstumsmarkt – sehr interessant für ausländische Investoren.

Ein Geschenk des Vaters

Auf der Automesse in Peking war neulich ein schwarz-gelber Bugatti zu verkaufen, Limited Edition. 40 Millionen Yuan, umgerechnet 6,25 Millionen Franken. Die gute Nachricht war dabei, dass die Steuern im Preis schon inbegriffen waren. «Ein 35-Jähriger hat den Wagen am ersten Tag der Messe gekauft, hast du das gehört?», sagt Li Qiang.

Dieser schwarze Lingyue aus der chinesischen Dongnan-Autofabrik in der Küstenprovinz Fujian, das war keineswegs Li Qiangs Traumwagen. «Wenn ich den abbezahlt und wieder Geld gespart habe, will ich einen VW», sagt er. Ein Modell namens VW Maitang. Oder einen Jetta, wie ihn sein bester Freund von seinem Vater geschenkt bekommen hat, damit er nicht mehr ständig mit dem Auto des Vaters rumfährt. Aber er müsse auch für die Hochzeit sparen, also könnte es auch ein Mazda werden. Immerhin habe sein gerade erstandener Lingyue einen aus Japan importierten Motor, sagt er stolz, von Mitsubishi.

«Neue Modelle bescheren der Volkswagen-Gruppe China Rekordverkäufe» steht über einer VW-Presseerklärung vom 12. Juli 2010. 95'0278 Autos hat VW in der ersten Hälfte dieses Jahres verkauft, 45,7 Prozent mehr als in der ersten Jahreshälfte 2009. Rekorde, Rekorde, Rekorde auch bei BMW, Toyota, Mercedes Benz. Alle jubeln im vielstimmigen Chor. China, Automarkt der Zukunft? China ist längst der Automarkt der Gegenwart.

Alle Welt redet nun von Elektroautos, aber die Chinesen lieben dicke Brummer. In den Tiefgaragen der vornehmen Wohnviertel Shanghais oder Pekings, wo die korrupten Beamten wohnen, die selbst so gut geschmiert sind wie Hochleistungsmotoren, da parken die Statussymbole dicht an dicht: Toyota Landcruiser, BMW X5, protzige, benzinsaufende Buicks, so gross wie kleine Schulbusse. Der Sprit ist billig, nur 7 Yuan pro Liter, 1.09 Franken, subventioniert von einer kommunistischen Führung, die ganz klar das Entwicklungsmodell des Westens nachahmt. Auch hier wurde erst die Autoindustrie aufgepäppelt, bevor man im Paradies des mittelständischen Wohlstands ankam.

Kategorie «gefährlich»

Was diese herrliche Autobonanza für die Atemluft der chinesischen Städte bedeutet, das ist ein eher trauriges Kapitel. «Beijing Air» heisst eine iPhone-App, die man sich kostenlos herunterladen kann, und die täglich einen Messwert der amerikanischen Botschaft in Peking zeigt. Von 0 bis 500 reicht die Skala. Der höchste je in Berlin gemessene Wert auf einer vergleichbaren Skala lag bei 60. Ab 101 wird es «ungesund». In Peking sind es in diesem Sommer meist so um die 350, Kategorie «gefährlich». Auch bei der Zahl von Lungenkrebstoten hat China die weltweite Führung übernommen.

Li Qiang muss jetzt los. Er wird drei Freunde abholen. Im Auto werden sie kettenrauchend und fröhlich plaudernd zu einer Spritztour aufbrechen. Nach Huairou vor den Toren Pekings. Mit Vollgas über die Autobahn. Wenn nicht gerade wieder Stau ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2010, 22:10 Uhr

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9 KOMMENTARE

Peter Aebi

28.07.2010, 15:17 Uhr

Wenn man das Autofahren in China betrachtet, dann muss man die Zahlen in Relation zum Einkommen setzen. Der Benzinpreis von "nur" 1.09 ist bei einem Einkommen, das durchschnittlich achtmal tiefer liegt, eben schon sehr hoch. Und auf den Autobahnen sind extrem hohe Gebühren zu entrichten (immer in Relation zum Einkommen).


Manfred Schnyder

28.07.2010, 14:26 Uhr

Super für die Industrie, aber für die Umwelt eine Katastrophe.


Ben Müller

28.07.2010, 12:54 Uhr

@Hr. Scheidegger: das ist schon richtig. Ich gehöre halt nun einfach zur Kategorie der (verhaltenen) Optimisten, anders möchte ich mein Leben nicht leben wollen. Es gibt aber eben zum Glück auch positive Signale (zum Beispiel eben die aktuellen Berichte über die Entwicklung der Bevölkerungszahl auf diesem Planeten) und das ist ja so schlecht nicht. Aber die Herausforderung ist gross, das stimmt.


Ulrich Scheidegger

28.07.2010, 11:37 Uhr

@ Herr Müller, es ist richtig, dass schon vor fünfzig Jahren- wie sie meinen- solches gesagt wurde, sogar von Experten. Jedoch wurde die Rechnung auch von diesen Experten ohne China und Indien gemacht. Die Partizipation dieser Länder an unseren Rohstoffen -so dachten damals diese Experten, komme nie in Frage -dass sind doch nur Schwellenländer -so das Credo. Die Realität hat uns längst eingeholt.


Rolf Schlumpf

28.07.2010, 10:23 Uhr

@ Rolf Schuhmacher... Ich finde den Ausdruck *Grüne Oekotalibans* amüsierent, das hat was. Allerdings muss man auch einfach sagen, dass es ebenso quatsch ist zu denken, dass Oekotalibans (ich nenne sie Umweltschützer) ausschliesslich darauf bedacht sind, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Und doch, es gibt schon ein paar davon, auch in China... Und es werden immer mehr ;)...


Ben Müller

28.07.2010, 09:28 Uhr

@Herr Scheidegger: das haben Leute wie sie bereits vor 50 Jahren gesagt! Die Erdölreserven werden, China hin oder her, früher oder später zu Ende gehen. Auch aufstrebende Länder (wie eben China oder auch Indien) werden sich umorientieren müssen. Ich glaube, dass unsere Welt das Wachstum in diesen Ländern überstehen wird wenn wir es schaffen die Bevölkerungszahl zu stabilisieren.


Rolf Schuhmacher

28.07.2010, 09:09 Uhr

Dort hat es noch keine Grünen Oekotalibans die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen.


Ulrich Scheidegger

28.07.2010, 07:43 Uhr

Die Anzahl mal den Verbrauch ist gleich einer horrenden Summe. Wir alle werden betroffen sein von diesem Rohstoffanspruch -und Verbrauch. Die zusätzlichen hohen Belastungen unserer Umwelt wird es uns auch richten -der Lohn unserer vermeintlichen Intelligenz. Wir alle sind uns dessen bewusst, trotzdem bewegen wir uns alle gemeinsam zusammen -in den Abgrund!


Hanspeter Lechner

28.07.2010, 07:31 Uhr

Oh ja, Auto fahren in China ist ein Erlebnis ... - und nicht ungefährlich! Allerdings muss die Zahl der Unfalltoten in Relation zur Bevölkerungszahl gesehen werden: das ergäbe dann maximal 30 Verkehrstote pro Jahr für die Schweiz. - Zudem wird in China (in den Städten) sehr langsam gefahren, sodass es bei Unfällen meist nur Blechschaden gibt - zumindest meine Erfahrung hier in NanNing, GuangXi.




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